Die Kunst, sich einen Scheiss um KI zu scheren

Warum du nicht jedes KI-Tool kennen musst, um produktiv zu sein. Gegen KI-FOMO, fuer Fokus — und warum 2-3 Tools reichen.

Mach mal LinkedIn auf. Ich warte.

Und? Wie viele Posts brauchst du, bis jemand dir erklaert, dass KI “alles veraendert”? Drei? Zwei? Wahrscheinlich ist der erste schon so einer. Irgendein selbsternannter “KI-Stratege” mit einem blauen Haken und einem Carousel, das dir in 10 Slides erklaert, warum du ohne die neueste KI-Plattform beruflich erledigt bist.

Tja. Ich hab da eine andere Meinung.

Du brauchst nicht 50 KI-Tools. Du brauchst nicht jeden neuen Chatbot testen. Und du brauchst ganz sicher keinen 2.000-Euro-Online-Kurs von jemandem, der vor sechs Monaten noch Dropshipping-Kurse verkauft hat.

Was du brauchst, ist eine Faehigkeit, die wir in Deutschland eigentlich ziemlich gut beherrschen: Erst pruefen, dann machen.


Das Problem heisst KI-FOMO

Lass mich kurz beschreiben, was ich in letzter Zeit bei Leuten in meinem Umfeld beobachte:

Montag: “Ich muss unbedingt Perplexity ausprobieren!” Dienstag: “Hast du schon von diesem neuen Coding-Assistenten gehoert?” Mittwoch: “Auf LinkedIn sagt jemand, Gemini sei jetzt besser als Claude.” Donnerstag: “Ich glaub, ich muss mich in LangChain einarbeiten.” Freitag: “Irgendwie bin ich diese Woche zu nichts gekommen.”

Kommt dir das bekannt vor?

Das ist KI-FOMO. Die Angst, etwas zu verpassen. Und sie ist — ich sag’s mal direkt — das Produktivste, was je an Unproduktivitaet erfunden wurde.

Du verbringst so viel Zeit damit, ueber KI nachzudenken, dass du nicht mehr dazu kommst, KI zu nutzen. Du liest Newsletter ueber Tools, die du nie installierst. Du bookmarkst YouTube-Tutorials, die du nie anschaust. Du meldest dich bei Betaversionen an, die du nach zwei Tagen vergisst.

Und am Ende des Monats hast du 14 Accounts, 7 Newsletter-Abos und genau null funktionierende Workflows.


Warum Deutschland hier einen Vorteil hat

Mal ehrlich: In den USA ist “Move fast and break things” immer noch ein Compliment. In Deutschland ist das ein Kuendigungsgrund.

Und genau das ist in diesem Fall tatsaechlich eine Staerke.

Wir Deutschen sind halt skeptisch. Wenn jemand aus dem Silicon Valley reinkommt und schreit “Revolution!”, dann fragen wir erstmal: “Ja, aber funktioniert das auch?” Wir wollen Belege. Wir wollen Datenschutz. Wir wollen wissen, ob das Tool in einem Jahr noch existiert oder ob es die naechste Clubhouse-Story wird.

Diese Skepsis nervt manchmal — aber bei KI ist sie genau richtig. Der grosse KI-Hype ist sowieso vorbei — und das ist gut so.

Denn die Wahrheit ist: Die meisten KI-Tools loesen Probleme, die du gar nicht hast.

Brauchst du wirklich einen KI-Kalender-Assistenten, wenn dein Outlook das seit 20 Jahren macht? Brauchst du einen KI-Meeting-Zusammenfasser, wenn deine Meetings das eigentliche Problem sind? Brauchst du einen KI-gestuetzten Projektmanager, wenn dein Team einfach mal klare Aufgaben braucht?

Eben.


Die drei Dinge, die wirklich zaehlen

Statt dich durch den KI-Dschungel zu kaempfen, hier mein Framework. Drei Fragen, mehr brauchst du nicht:

1. Welches Problem loest du tatsaechlich?

Nicht: “Ich sollte mal was mit KI machen.” Sondern: “Ich schreibe jede Woche 15 E-Mails, die mich jeweils 20 Minuten kosten.”

Das ist ein konkretes Problem. Dafuer brauchst du einen guten E-Mail-Skill und ein Tool, das du kennst. Fertig. Kein neues Abo, kein Onboarding, keine 3-taegige Einarbeitung.

Der Fachkraeftemangel in Deutschland ist real. Laut Bitkom fehlen uns ueber 150.000 IT-Fachkraefte. Und weisst du, was gegen den Fachkraeftemangel hilft? Nicht 50 halbgare KI-Spielereien, sondern wenn die Leute, die da sind, ihre Arbeit effizienter erledigen koennen. Mit Tools, die sie wirklich beherrschen.

2. Beherrschst du dein Werkzeug?

Es gibt Leute, die kennen 30 KI-Tools beim Namen und koennen mit keinem davon richtig arbeiten. Und dann gibt es Leute, die nutzen ein oder zwei Tools — aber die nutzen sie so gut, dass sie in einer Stunde mehr schaffen als andere an einem ganzen Tag.

Rate mal, wer befördert wird.

Ein Handwerker hat auch nicht 200 Werkzeuge. Er hat 20 — und weiss bei jedem, wofuer es da ist und wie man es pflegt. Das ist die deutsche Ingenieursmentalitaet, die uns weltberühmt gemacht hat. “Gruendlich” ist kein Schimpfwort.

Wenn du ChatGPT nutzt: Lern System-Prompts. Lern Prompt-Chaining. Lern, wie du dem Ding Kontext gibst. Das bringt mehr als jede neue Plattform.

Wenn du Claude nutzt: Dasselbe. Tiefe schlaegt Breite. Immer.

3. Kannst du den Output bewerten?

Das ist der Punkt, den die meisten KI-Gurus weglassen. Weil er unbequem ist.

KI produziert Text. Schnell, viel, meistens okay. Aber “meistens okay” reicht halt nicht, wenn du eine Analyse fuer den Vorstand schreibst. Oder eine Produktbeschreibung, die verkaufen soll. Oder eine E-Mail an einen Grosskunden.

Du musst den Output bewerten koennen. Das heisst: Du brauchst Fachwissen neben der KI. Die KI ersetzt nicht dein Denken — sie verstaerkt es. Aber wenn es nichts zu verstaerken gibt, dann hast du halt eben nur schnelleren Muell.

Deutsche Unternehmen wissen das instinktiv. Deshalb setzen laut einer IW-Koeln-Studie erst 25% der deutschen Unternehmen KI produktiv ein. Nicht weil sie rueckstaendig sind — sondern weil viele erstmal pruefen, ob es sich wirklich lohnt.


Es ist okay, den Hype zu ignorieren

Ich sag dir jetzt was, das du auf LinkedIn nie lesen wirst:

Du musst nicht alles mitmachen.

Du musst nicht Sora kennen. Du musst nicht wissen, was xAI letzte Woche gelauncht hat. Du musst keine Meinung zu OpenAIs neuestem Drama haben. Du musst nicht jeden Podcast hoeren, in dem Sam Altman ueber die Zukunft der Menschheit philosophiert.

Du darfst KI-Nachrichten ignorieren. Du darfst einen Trend verpassen. Du darfst “Nee, brauch ich nicht” sagen, ohne dass deine Karriere implodiert.

Weisst du, was deutsche Mittelstaendler seit Jahrzehnten machen? Sie spezialisieren sich. Sie werden in einer Sache richtig gut. Sie bauen keine glitzernden Demos — sie bauen Maschinen, die 30 Jahre halten. Und genau dieses Prinzip funktioniert auch bei KI.

Statt zehn Tools oberflaechlich zu kennen: Nimm dir zwei. Mach sie zu deinem Werkzeug. Und lass den Rest links liegen.


Selektives Meistern: Der echte Vorsprung

Hier ist der Twist, den die FOMO-Fraktion nicht kapiert:

Die Leute, die am meisten von KI profitieren, sind nicht die, die jedes Tool kennen. Es sind die, die ein Tool so gut kennen, dass sie damit Dinge tun, die andere fuer unmoeglich halten.

Ein Beispiel: Ich kenne jemanden, der nutzt Claude ausschliesslich — nichts anderes. Aber er hat seine Custom Instructions so fein abgestimmt, dass die KI quasi seine Denkweise repliziert. Er hat Skills fuer jeden Arbeitsschritt: Prompts fuer Business-Mails, fuer Datenanalyse, fuer Code Reviews. Er verbringt null Zeit mit Tool-Hopping und 100% der Zeit mit Ergebnissen.

Das ist selektives Meistern. Und es ist verdammt effektiv.

Vergleich das mal mit jemandem, der jede Woche ein neues Tool ausprobiert, aber bei keinem ueber das Anfaengerhuegel-Level hinauskommt. Wer von beiden liefert bessere Ergebnisse? Eben.

Der Drei-Tool-Stack

Wenn du mich fragst, was du wirklich brauchst:

Ein Allrounder — ChatGPT oder Claude fuer taegliche Aufgaben. Texte, Mails, Brainstorming, Recherche. Eins davon, nicht beide. Probier beide eine Woche aus, entscheid dich, bleib dabei.

Ein Spezialist — Je nach Job: Ein Coding-Assistent fuer Entwickler. Ein Schreibtool fuer Content-Leute. Ein Analyse-Skill fuer Zahlenmenschen. Eins.

Ein Automatisierer — Fuer wiederkehrende Aufgaben: 10x deine Prompts oder Abo-Audit oder was auch immer dein groesster Zeitfresser ist.

Drei Tools. Nicht 30. Und dann: Meistern statt sammeln.


Datenschutz — der Elefant im Raum

Wo wir gerade beim deutschen Pragmatismus sind: Natuerlich muessen wir ueber Datenschutz reden. In den USA scheint das ja optional zu sein, aber wir haben halt die DSGVO. Und das ist — trotz allem Gejammer — eigentlich eine ganz gute Sache.

Denn es zwingt dich, nachzudenken, bevor du deine Kundendaten in irgendeinen US-Chatbot kippst. Es zwingt dich, zwischen “nice to have” und “darf ich das ueberhaupt?” zu unterscheiden.

Wenn du wissen willst, wie du KI-Tools DSGVO-konform einsetzt: Wir haben einen ganzen Guide dazu. Kurzversion: Keine Personendaten reinkippen, anonymisieren wo noetig, im Zweifel lokale Modelle nutzen. Fertig.

Das Schoene an Skills und Prompts: Die sind datenschutzrechtlich komplett unproblematisch. Es sind Textanweisungen. Keine Software, die deine Daten abgreift. Kein Abo, das dein Nutzungsverhalten trackt. Nur ein Prompt, den du kopierst und nutzt, wie du willst.


Das Fazit: Weniger ist Meister

Die KI-Welt will dir einreden, dass du staendig mehr brauchst. Mehr Tools. Mehr Wissen. Mehr Accounts. Mehr Hype.

Ich sag dir das Gegenteil: Du brauchst weniger.

Weniger Tools, dafuer tiefer. Weniger Newsletter, dafuer mehr Praxis. Weniger LinkedIn-Gurus, dafuer mehr eigene Erfahrung.

Die Kunst, sich nicht um jeden KI-Trend zu scheren, ist keine Ignoranz. Es ist Fokus. Es ist die Entscheidung, deine begrenzte Zeit und Energie auf das zu konzentrieren, was tatsaechlich Ergebnisse bringt.

Und wenn dir das naechste Mal jemand auf LinkedIn erzaehlt, dass du “den Anschluss verlierst”, weil du sein Lieblings-Tool nicht nutzt — dann lehn dich zurueck und frag dich: Hab ich heute mit meinen zwei Tools was geschafft?

Wenn die Antwort ja ist: Glueckwunsch. Du machst es richtig. Der Rest ist Lärm.


Was ist dein KI-Stack? Nutzt du zwei Tools oder zwanzig? Schreib’s in die Kommentare — ich bin gespannt, wie andere das handhaben.

Willst du lieber wenige Tools richtig nutzen statt viele schlecht? Stoebre durch unsere kostenlosen KI-Skills — ein Klick kopiert, sofort einsatzbereit, kein Abo noetig.