Redigieren für Klarheit
Ballast raus, Wirkung rein. Jeden Satz verdienen lassen.
🔄 Recall: Struktur gibt den Rahmen
In Lektion 3 hast du gelernt, Texte so zu strukturieren, dass Leser folgen können. Jetzt geht’s ans Eingemachte: Innerhalb dieser Struktur jeden Satz schärfen. Denn ein gut strukturierter Text mit aufgeblähten Sätzen ist wie ein Gebäude mit gutem Grundriss, aber schlechter Inneneinrichtung.
Warum Kürzen Texte besser macht
Jedes unnötige Wort hat Konsequenzen:
- Verdünnt die Botschaft — dein Punkt geht in Füllmaterial unter
- Verschwendet Leserzeit — und die ist knapp
- Signalisiert Unsicherheit — wer viele Wörter braucht, klingt, als wäre er sich nicht sicher
- Versteckt die Kernaussage — der Leser muss sie erst freischaufeln
Kürzer heißt nicht weniger Information. Es heißt: mehr Substanz pro Satz.
Wörter, die du fast immer streichen kannst
Füllwörter: eigentlich, quasi, im Prinzip, gewissermaßen, sozusagen, entsprechend, grundsätzlich (wenn du es nicht wirklich grundsätzlich meinst)
Redundanzen: bereits schon, weiterhin auch, zukünftig geplant, vorherige Erfahrung, kostenlos gratis
Leere Verstärker: sehr einzigartig (einzigartig ist schon einzigartig), absolut notwendig, ganz besonders
✅ Quick Check: Was ist der Unterschied zwischen einem Füllwort und einem Modalpartikel?
(Antwort: Modalpartikel wie „halt", „eben", „doch" transportieren Bedeutung — sie steuern Ton und Haltung. Füllwörter wie „eigentlich" und „im Prinzip" verwässern die Aussage ohne Mehrwert. In informellem Schreiben sind Modalpartikel erwünscht — Füllwörter nie.)
KI-gestütztes Redigieren
Drei Prompt-Varianten für verschiedene Ziele:
Klarheits-Check:
Prüfe diesen Text auf Klarheit. Markiere:
- Unnötige Wörter
- Passivkonstruktionen, die aktiv besser wären
- Sätze, die man kürzer formulieren kann
[Text einfügen]
Aggressives Kürzen:
Kürze diesen Text um 30%, ohne Informationen zu verlieren.
Ersetze Passiv durch Aktiv. Streiche Füllwörter.
[Text einfügen]
Satz-für-Satz-Verbesserung:
Verbessere jeden Satz dieses Textes einzeln.
Zeige Vorher/Nachher für jeden Satz mit kurzer Begründung.
[Text einfügen]
Die Redigier-Durchgänge
Geh nicht alles auf einmal an. Mach mehrere Durchgänge:
| Durchgang | Fokus | Was du tust |
|---|---|---|
| 1 | Füllwörter | Eigentlich, quasi, im Prinzip — raus |
| 2 | Sätze vereinfachen | Verschachtelte Sätze aufbrechen |
| 3 | Verben stärken | „eine Entscheidung treffen" → „entscheiden" |
| 4 | Laut vorlesen | Stolperstellen finden und glätten |
Schwache Verben → starke Verben
| Schwach | Stark |
|---|---|
| eine Entscheidung treffen | entscheiden |
| in Betracht ziehen | erwägen |
| eine Verbesserung vornehmen | verbessern |
| Anwendung finden | anwenden |
| zur Verfügung stellen | bereitstellen |
| zum Ausdruck bringen | ausdrücken |
| einer Prüfung unterziehen | prüfen |
Substantivierungen sind der Feind lebendiger Texte. Wenn du ein „-ung"-Wort siehst, prüfe ob ein Verb besser wäre.
Das Passiv-Problem
Passiv versteckt, wer was getan hat:
- Passiv: „Es wurde beschlossen, das Projekt zu verschieben."
- Aktiv: „Die Geschäftsführung hat das Projekt um zwei Wochen verschoben."
Aktiv ist fast immer klarer. Ausnahmen: Wenn der Handelnde unwichtig oder unbekannt ist, oder wenn du bewusst weich formulieren willst.
Satzlänge variieren
Monotone Satzlänge lullt ein. Mix:
- Kurze Sätze schaffen Punch. (Wie dieser.)
- Mittlere Sätze tragen die meiste Information und halten den Fluss.
- Lange Sätze funktionieren, wenn die Struktur klar ist — aber pass auf, dass der Leser nicht mitten drin den Faden verliert, weil zu viele Nebensätze den Hauptgedanken verschütten.
Warnzeichen: Wenn du beim Laut-Lesen keine Luft mehr hast, ist der Satz zu lang.
Der Laut-Lesen-Test
Das mächtigste Redigier-Werkzeug ist kostenlos: Lies deinen Text laut vor.
Du merkst sofort:
- Holprige Formulierungen (wo du ins Stocken gerätst)
- Zu lange Sätze (wo dir die Luft ausgeht)
- Wiederholungen (die beim stillen Lesen untergehen)
- Fehlende Übergänge (wo es „ruckelt")
- Unnatürliche Formulierungen (die niemand so sagen würde)
Redigier-Checkliste
Vor dem Absenden:
- Kernaussage im ersten Absatz?
- Mindestens 10% gekürzt gegenüber dem Entwurf?
- Füllwörter gestrichen?
- Schwache Verben durch starke ersetzt?
- Unnötiges Passiv in Aktiv umgewandelt?
- Laut vorgelesen?
Wichtigste Erkenntnisse
- Kürzen ≠ weniger Information — es heißt mehr Substanz pro Satz
- Füllwörter (eigentlich, quasi, im Prinzip) verwässern — Modalpartikel (halt, doch, eben) sind okay
- Starke Verben schlagen Substantivierungen: „entscheiden" statt „eine Entscheidung treffen"
- Aktiv schlägt Passiv in fast allen Fällen
- Laut vorlesen deckt mehr Probleme auf als jede andere Technik
- Mehrere Durchgänge statt alles auf einmal
Nächste Lektion
Lektion 5 zeigt dir, wie du deinen Stil an verschiedene Zielgruppen anpasst — derselbe Mensch, aber anderes Publikum. Denn ein Bericht für die Geschäftsführung liest sich anders als eine Nachricht ans Team.
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