Lektion 5 15 Min.

Stil anpassen

Für verschiedene Zielgruppen schreiben, ohne dich selbst zu verlieren.

🔄 Recall: Klarheit durch Redigieren

In Lektion 4 hast du gelernt, Texte zu straffen und jeden Satz schärfer zu machen. Jetzt geht’s um eine andere Dimension: Nicht was du sagst, sondern wie du es sagst — und für wen.

Gleiche Botschaft, verschiedene Empfänger

Ein Update zum Servermigration-Projekt klingt für das Entwicklungsteam völlig anders als für die Geschäftsführung. Und das ist kein Anbiederung — das ist Kommunikationskompetenz.

Für das Entwicklungsteam:

„Migration der PostgreSQL-Instanzen auf v16 abgeschlossen. Downtime: 23 Minuten (geplant: 30). Connection Pooling läuft stabil. Monitoring zeigt keine Anomalien."

Für die Geschäftsführung:

„Datenbankupgrade erfolgreich abgeschlossen — unter dem geplanten Zeitfenster. Die Analysen laufen jetzt 40% schneller. Keine Auswirkungen auf den laufenden Betrieb."

Gleiche Fakten, andere Verpackung.

Die Zielgruppen-Fragen

Vor dem Schreiben — fünf Fragen:

  1. Was weiß die Person schon? → Bestimmt, wo du anfängst
  2. Was braucht sie? → Bestimmt, was reingehört
  3. Was wird sie damit tun? → Bestimmt die Struktur
  4. Welche Beziehung habt ihr? → Bestimmt den Ton
  5. Wie viel Zeit hat sie? → Bestimmt die Länge

Quick Check: Warum ist Frage 3 („Was wird sie damit tun?") so wichtig?

(Antwort: Wenn jemand eine Entscheidung treffen muss, braucht er eine klare Empfehlung. Wenn jemand nur informiert sein will, reicht eine Zusammenfassung. Die Handlungsabsicht bestimmt die Struktur.)

Detailtiefe anpassen

Fachpublikum: Fachbegriffe okay, Tiefe erwartet, zeig deine Arbeit

Nicht-technisches Publikum: Fachbegriffe vermeiden oder erklären, Auswirkungen statt Mechanik, Fazit statt Methodik

Beispiel — dasselbe Ergebnis, zwei Versionen:

Für IT-Leitung:

„Die Ladezeit konnte durch Implementierung von CDN-Caching, Lazy Loading und WebP-Konvertierung von 4,2s auf 1,8s reduziert werden. Lighthouse-Score: 94."

Für Geschäftsführung:

„Die Website lädt jetzt doppelt so schnell. Das verbessert die Nutzererfahrung und reduziert Absprünge — positiver Effekt auf Conversion erwartet."

Formalität kalibrieren

SituationFormalitätWarum
Erster Kontakt, externFormellProfessionalität signalisieren
Etabliertes Team, internLockerEffizienz, Nähe
Schlechte NachrichtenEtwas formeller als üblichRespekt zeigen
Gute NachrichtenKann lockerer seinFreude teilen
Unsicher?Lieber etwas wärmer als kälterWärme wirkt sympathischer als Distanz

Formell: Vollständige Sätze, professionelles Vokabular, kein Slang, „Sie" Locker: Umgangssprache okay, Kontraktionen, Humor erlaubt, „du"

Im DACH-Raum ist die Faustregel: Intern oft „du", extern „Sie" — aber das verschiebt sich gerade, besonders in Tech und Startups.

Die Fachbegriff-Entscheidung

Fachbegriffe nutzen, wenn:

  • Deine Zielgruppe sie kennt
  • Sie präziser sind als Umschreibungen
  • Sie Erklärungsaufwand sparen

Fachbegriffe vermeiden, wenn:

  • Du unsicher bist, ob die Zielgruppe sie kennt
  • Eine einfache Formulierung genauso gut wäre
  • Du sie benutzt, um kompetent zu klingen (merkt jeder)

Schnelltest: Müsstest du den Begriff in einer Fußnote erklären? Dann erklär ihn im Text — oder lass ihn weg.

KI für Stilanpassung nutzen

Passe diesen Text an folgende Zielgruppe an:

Wer: [z.B. Geschäftsführung ohne technischen Hintergrund]
Ton: [z.B. professionell, lösungsorientiert]
Detailtiefe: [z.B. Ergebnisse und Auswirkungen, nicht Methodik]
Formalität: [z.B. Sie-Form, keine Fachbegriffe]

Text:
[Originaltext einfügen]

Schreiben für verschiedene Situationen

Gute Nachrichten: Direkt damit rausrücken. Kurz halten. Freude nicht mit Caveats kaputtmachen.

Schlechte Nachrichten: Auch direkt — aber: Auswirkung anerkennen, nächste Schritte zeigen. Nicht drumherum reden, aber empathisch sein.

Bitten/Anfragen: Klar sagen, was du brauchst. Erklären, warum es wichtig ist. Es dem Empfänger leicht machen, Ja zu sagen. Deadline nennen, wenn es eine gibt.

Follow-ups: Kontext kurz wiederherstellen (nicht voraussetzen, dass sich jemand erinnert). Klare Frage oder Bitte. Kurz halten.

Übung: Einen Text anpassen

  1. Nimm einen Text, den du kürzlich geschrieben hast
  2. Stell dir vor, du müsstest denselben Inhalt an eine andere Zielgruppe schicken
  3. Nutze die fünf Zielgruppen-Fragen
  4. Schreib den Text um (oder lass die KI einen Entwurf erstellen)
  5. Vergleiche: Was hat sich verändert? Was ist gleich geblieben?

Wichtigste Erkenntnisse

  • Fünf Zielgruppen-Fragen vor jedem Text: Was weiß sie? Was braucht sie? Was wird sie tun? Welche Beziehung? Wie viel Zeit?
  • Detailtiefe anpassen — Fachpublikum will Methodik, Management will Ergebnisse
  • Formalität hängt von Beziehung und Kontext ab, nicht von einer festen Regel
  • Fachbegriffe nur, wenn die Zielgruppe sie kennt — nie zum Angeben
  • Im Zweifel lieber etwas wärmer als etwas kälter

Nächste Lektion

Lektion 6 geht einen Schritt weiter: Nicht nur verständlich schreiben, sondern überzeugend. Du lernst Strukturen, die Menschen zum Handeln bewegen.

Wissenscheck

1. Was ist das Wichtigste, das du über deine Zielgruppe wissen musst?

2. Wie passt du die Formalität an verschiedene Zielgruppen an?

Beantworte alle Fragen zum Prüfen

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Passende Skills