Stil anpassen
Für verschiedene Zielgruppen schreiben, ohne dich selbst zu verlieren.
🔄 Recall: Klarheit durch Redigieren
In Lektion 4 hast du gelernt, Texte zu straffen und jeden Satz schärfer zu machen. Jetzt geht’s um eine andere Dimension: Nicht was du sagst, sondern wie du es sagst — und für wen.
Gleiche Botschaft, verschiedene Empfänger
Ein Update zum Servermigration-Projekt klingt für das Entwicklungsteam völlig anders als für die Geschäftsführung. Und das ist kein Anbiederung — das ist Kommunikationskompetenz.
Für das Entwicklungsteam:
„Migration der PostgreSQL-Instanzen auf v16 abgeschlossen. Downtime: 23 Minuten (geplant: 30). Connection Pooling läuft stabil. Monitoring zeigt keine Anomalien."
Für die Geschäftsführung:
„Datenbankupgrade erfolgreich abgeschlossen — unter dem geplanten Zeitfenster. Die Analysen laufen jetzt 40% schneller. Keine Auswirkungen auf den laufenden Betrieb."
Gleiche Fakten, andere Verpackung.
Die Zielgruppen-Fragen
Vor dem Schreiben — fünf Fragen:
- Was weiß die Person schon? → Bestimmt, wo du anfängst
- Was braucht sie? → Bestimmt, was reingehört
- Was wird sie damit tun? → Bestimmt die Struktur
- Welche Beziehung habt ihr? → Bestimmt den Ton
- Wie viel Zeit hat sie? → Bestimmt die Länge
✅ Quick Check: Warum ist Frage 3 („Was wird sie damit tun?") so wichtig?
(Antwort: Wenn jemand eine Entscheidung treffen muss, braucht er eine klare Empfehlung. Wenn jemand nur informiert sein will, reicht eine Zusammenfassung. Die Handlungsabsicht bestimmt die Struktur.)
Detailtiefe anpassen
Fachpublikum: Fachbegriffe okay, Tiefe erwartet, zeig deine Arbeit
Nicht-technisches Publikum: Fachbegriffe vermeiden oder erklären, Auswirkungen statt Mechanik, Fazit statt Methodik
Beispiel — dasselbe Ergebnis, zwei Versionen:
Für IT-Leitung:
„Die Ladezeit konnte durch Implementierung von CDN-Caching, Lazy Loading und WebP-Konvertierung von 4,2s auf 1,8s reduziert werden. Lighthouse-Score: 94."
Für Geschäftsführung:
„Die Website lädt jetzt doppelt so schnell. Das verbessert die Nutzererfahrung und reduziert Absprünge — positiver Effekt auf Conversion erwartet."
Formalität kalibrieren
| Situation | Formalität | Warum |
|---|---|---|
| Erster Kontakt, extern | Formell | Professionalität signalisieren |
| Etabliertes Team, intern | Locker | Effizienz, Nähe |
| Schlechte Nachrichten | Etwas formeller als üblich | Respekt zeigen |
| Gute Nachrichten | Kann lockerer sein | Freude teilen |
| Unsicher? | Lieber etwas wärmer als kälter | Wärme wirkt sympathischer als Distanz |
Formell: Vollständige Sätze, professionelles Vokabular, kein Slang, „Sie" Locker: Umgangssprache okay, Kontraktionen, Humor erlaubt, „du"
Im DACH-Raum ist die Faustregel: Intern oft „du", extern „Sie" — aber das verschiebt sich gerade, besonders in Tech und Startups.
Die Fachbegriff-Entscheidung
Fachbegriffe nutzen, wenn:
- Deine Zielgruppe sie kennt
- Sie präziser sind als Umschreibungen
- Sie Erklärungsaufwand sparen
Fachbegriffe vermeiden, wenn:
- Du unsicher bist, ob die Zielgruppe sie kennt
- Eine einfache Formulierung genauso gut wäre
- Du sie benutzt, um kompetent zu klingen (merkt jeder)
Schnelltest: Müsstest du den Begriff in einer Fußnote erklären? Dann erklär ihn im Text — oder lass ihn weg.
KI für Stilanpassung nutzen
Passe diesen Text an folgende Zielgruppe an:
Wer: [z.B. Geschäftsführung ohne technischen Hintergrund]
Ton: [z.B. professionell, lösungsorientiert]
Detailtiefe: [z.B. Ergebnisse und Auswirkungen, nicht Methodik]
Formalität: [z.B. Sie-Form, keine Fachbegriffe]
Text:
[Originaltext einfügen]
Schreiben für verschiedene Situationen
Gute Nachrichten: Direkt damit rausrücken. Kurz halten. Freude nicht mit Caveats kaputtmachen.
Schlechte Nachrichten: Auch direkt — aber: Auswirkung anerkennen, nächste Schritte zeigen. Nicht drumherum reden, aber empathisch sein.
Bitten/Anfragen: Klar sagen, was du brauchst. Erklären, warum es wichtig ist. Es dem Empfänger leicht machen, Ja zu sagen. Deadline nennen, wenn es eine gibt.
Follow-ups: Kontext kurz wiederherstellen (nicht voraussetzen, dass sich jemand erinnert). Klare Frage oder Bitte. Kurz halten.
Übung: Einen Text anpassen
- Nimm einen Text, den du kürzlich geschrieben hast
- Stell dir vor, du müsstest denselben Inhalt an eine andere Zielgruppe schicken
- Nutze die fünf Zielgruppen-Fragen
- Schreib den Text um (oder lass die KI einen Entwurf erstellen)
- Vergleiche: Was hat sich verändert? Was ist gleich geblieben?
Wichtigste Erkenntnisse
- Fünf Zielgruppen-Fragen vor jedem Text: Was weiß sie? Was braucht sie? Was wird sie tun? Welche Beziehung? Wie viel Zeit?
- Detailtiefe anpassen — Fachpublikum will Methodik, Management will Ergebnisse
- Formalität hängt von Beziehung und Kontext ab, nicht von einer festen Regel
- Fachbegriffe nur, wenn die Zielgruppe sie kennt — nie zum Angeben
- Im Zweifel lieber etwas wärmer als etwas kälter
Nächste Lektion
Lektion 6 geht einen Schritt weiter: Nicht nur verständlich schreiben, sondern überzeugend. Du lernst Strukturen, die Menschen zum Handeln bewegen.
Wissenscheck
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Lektion abgeschlossen!