Coaching-Frameworks — GROW und CLEAR
Das GROW-Modell und das CLEAR-Modell meistern — zwei bewaehrte Strukturen fuer wirkungsvolle Coaching-Gespraeche.
Warum Struktur den Unterschied macht
Ohne Struktur drehen sich Coaching-Gespraeche im Kreis. Man redet ueber ein Problem, kommt vom Thema ab, gibt ein paar Ratschlaege und endet ohne klare naechste Schritte. Kommt dir bekannt vor?
Coaching-Frameworks geben dir eine Landkarte. Sie skripten nicht das Gespraech, aber sie stellen sicher, dass du die wichtigen Stationen erreichst: Ziel klaeren, Realitaet verstehen, Optionen generieren, Verbindlichkeit sichern.
Das GROW-Modell
GROW ist das weltweit populaerste Coaching-Framework, entwickelt von Sir John Whitmore in den 1980ern. Sein Buch „Coaching for Performance" wurde in ueber 20 Sprachen uebersetzt — auch ins Deutsche. In Deutschland ist das Modell breit etabliert und wird laut RAUEN Coaching-Marktanalyse von der Mehrheit der Business-Coaches eingesetzt.
G — Goal (Ziel)
Starte jedes Coaching-Gespraech mit der Klaerung, was die Person erreichen will.
Schluesselfragen:
- „Was moechtest du heute besprechen?"
- „Wie saehe ein gutes Ergebnis aus?"
- „Wenn dieses Problem geloest waere — was waere anders?"
Haeufiger Fehler: Vage Ziele akzeptieren. „Ich will besser in meinem Job werden" braucht Verfeinerung. „Ich will bis Ende des Quartals Teammeetings souveraen leiten" ist coachbar.
R — Reality (Realitaet)
Erkunde die aktuelle Situation ehrlich. Hier entstehen die meisten Erkenntnisse.
Schluesselfragen:
- „Was passiert gerade?"
- „Was hast du bereits versucht?"
- „Was funktioniert? Was nicht?"
- „Auf einer Skala von 1-10: Wo stehst du damit?"
Haeufiger Fehler: Durch Reality hetzen. Die meisten Coaches verbringen hier zu wenig Zeit. Tiefes Erkunden der Realitaet enthuellt oft, dass das eigentliche Problem ein anderes ist als zunaechst praesentiert.
O — Options (Optionen)
Generiere mehrere moegliche Ansaetze. Quantitaet zaehlt hier mehr als Qualitaet.
Schluesselfragen:
- „Was koenntest du tun?"
- „Was noch? (Frag weiter, bis die Ideen erschoepft sind)"
- „Was wuerdest du tun, wenn Ressourcen keine Rolle spielen?"
- „Was wuerdest du einem Freund in dieser Situation raten?"
Haeufiger Fehler: Optionen zu frueh bewerten. Lass sie frei brainstormen, bevor du Machbarkeit pruefst.
W — Will (Wille/Verbindlichkeit)
Verwandle die beste Option in eine konkrete Verpflichtung.
Schluesselfragen:
- „Was wirst du tun? (Nicht ‚koenntest’ — ‚wirst’)"
- „Bis wann?"
- „Wie verbindlich auf einer Skala von 1-10?"
- „Was koennte dazwischenkommen?"
Haeufiger Fehler: Schwache Commitments akzeptieren. „Ich versuche mal…" ist keine Verpflichtung. „Ich werde [Aktion] bis [Datum] umsetzen" schon.
✅ Quick Check: Denk an eine Situation, die dir jemand kuerzlich geschildert hat. Kannst du sie durch die vier GROW-Phasen legen? Welche Frage wuerdest du bei jedem Schritt stellen?
GROW in der Praxis
Szenario: Ein Teammitglied fuehlt sich von der Arbeitslast ueberwaeltigt.
| Phase | Coach sagt | Zweck |
|---|---|---|
| G | „Wenn wir heute Fortschritte machen koennten — was wuenschst du dir?" | Konkretes Ziel klaeren |
| R | „Fuehr mich durch eine typische Woche. Wo geht deine Zeit wirklich hin?" | Realitaet vs. Wahrnehmung verstehen |
| R | „Welche Aufgaben sind ueberwaeigend — welche machbar?" | Konkrete Schmerzpunkte identifizieren |
| O | „Wenn du eine Sache an deiner Arbeitslast aendern koenntest — was waere es?" | Optionen generieren |
| O | „Was koennte noch helfen? Auch Ideen, die unrealistisch scheinen." | Moeglichkeiten erweitern |
| W | „Von diesen Optionen — welche setzt du diese Woche um?" | Verbindlichkeit sichern |
| W | „Was ist der erste konkrete Schritt — und wann machst du ihn?" | Spezifisch machen |
Das CLEAR-Modell
CLEAR bietet eine Alternative, die staerker auf emotionale Exploration setzt — und passt damit gut zur deutschen Tradition des systemischen Coachings, das den Kontext und die Beziehungsdynamik betont:
| Phase | Fokus | Schlusselaktion |
|---|---|---|
| C — Contract | Vereinbarung ueber den Gespraechsrahmen | „Worueber sprechen wir heute?" |
| L — Listen | Tiefes Erkunden der Situation | Aktiv zuhoeren, zurueckspiegeln |
| E — Explore | Einsichten und Moeglichkeiten entdecken | „Welche Muster erkennst du?" |
| A — Action | Konkrete naechste Schritte bestimmen | „Was wirst du anders machen?" |
| R — Review | Zusammenfassen und Verpflichtungen bestaetigen | „Lass mich zurueckspiegeln, was ich gehoert habe…" |
Wann CLEAR statt GROW:
- Wenn emotionale Verarbeitung vor Problemloesung noetig ist
- Wenn der Coachee erst gehoert werden muss, bevor er in Aktion kommt
- Wenn die Situation komplex ist und tiefere Exploration braucht
- Beim Aufbau einer neuen Coaching-Beziehung (CLEAR baut frueh mehr Vertrauen auf)
Systemisches Coaching — Die deutsche Tradition
In Deutschland hat das systemische Coaching eine besonders starke Tradition. Anders als das eher zielorientierte GROW betrachtet der systemische Ansatz den Menschen immer im Kontext seines Systems — Team, Organisation, Familie.
Kernprinzip: Nicht die Person hat das Problem, sondern das System erzeugt die Dynamik. Aendere die Dynamik, und die Person kann sich anders verhalten.
Organisationen wie die DGSF (Deutsche Gesellschaft fuer Systemische Therapie) und die Systemische Gesellschaft haben eigene Standards gesetzt, die das deutsche Coaching-Verstaendnis praeegen.
Fuer die Praxis heisst das: Achte bei GROW und CLEAR immer auch auf den Kontext. Fragen wie „Wer ist noch betroffen?" oder „Welche Teamdynamik spielt hier rein?" erweitern beide Frameworks in die systemische Richtung.
KI-gestuetzte Session-Vorbereitung
Nutze KI, um dich auf Coaching-Sessions vorzubereiten:
Ich coache jemanden zum Thema [Thema]. Die Situation ist [Kontext].
Generiere fuer jede Phase des GROW-Modells (Goal, Reality, Options, Will)
3-4 wirkungsvolle Fragen, die ich im Gespraech nutzen kann.
Haeufige Coaching-Fehler
| Fehler | Warum es passiert | Loesung |
|---|---|---|
| Direkt Ratschlaege geben | Du kennst die Antwort | Erst fragen: „Was denkst du?" |
| Suggestivfragen stellen | Du willst eine bestimmte Antwort | Offene Fragen stellen, ihre Richtung akzeptieren |
| Reality ueberspringen | Ungeduld, direkt loesen wollen | Mehr Zeit hier verbringen als sich natuerlich anfuehlt |
| Schwache Commitments | Unangenehm, Druck zu machen | Fragen: „Auf einer Skala von 1-10, wie verbindlich?" |
| Zu viel reden | Nervositaet oder Enthusiasmus | Regel: 30% du, 70% der Coachee |
Key Takeaways
- GROW (Goal, Reality, Options, Will) bietet eine einfache Struktur fuer jedes Coaching-Gespraech
- Verbringe mehr Zeit bei Reality als sich natuerlich anfuehlt — hier passieren die Durchbrueche
- CLEAR (Contract, Listen, Explore, Action, Review) eignet sich besser, wenn emotionale Verarbeitung noetig ist
- Systemisches Coaching — die starke deutsche Tradition — ergaenzt GROW und CLEAR um den Blick auf das System
- Frameworks sind Leitfaeden, keine Skripte — passe sie an Person und Situation an
- Der groesste Fehler: zu viel reden. Ziel: Der Coachee spricht 70% der Zeit
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