Lektion 3 15 Min.

Aktives Zuhoeren und wirkungsvolle Fragen

Tiefes Zuhoeren auf drei Ebenen und die Kunst wirkungsvoller Fragen — die Faehigkeiten, die Coaching-Frameworks erst zum Leben erwecken.

Die Faehigkeit hinter jedem guten Coach

🔄 Recall: In der vorherigen Lektion hast du Coaching-Frameworks wie GROW und CLEAR gelernt. Frameworks sind die Struktur. Zuhoeren und Fragen sind der Treibstoff, der sie zum Laufen bringt.

Du kannst das GROW-Modell perfekt beherrschen und trotzdem ein mittelmaeessiger Coach sein, wenn du nicht gut zuhoerst. Umgekehrt kann ein Coach mit herausragenden Zuhoer-Faehigkeiten transformative Gespraeche fuehren — ganz ohne formelles Framework.

Die drei Ebenen des Zuhoerens

Die meisten Menschen operieren auf Ebene 1. Gute Coaches operieren auf Ebene 3.

Ebene 1: Internes Zuhoeren

Du hoerst die Worte, waehrend du ueber deine Antwort nachdenkst, ueber deine Meinung oder ueber aehnliche Erfahrungen.

Zeichen fuer Ebene 1:

  • Du planst, was du als Naechstes sagen willst
  • Du unterbrichst, um deine eigene Geschichte zu teilen
  • Du hoerst die Worte, aber verpasst die Emotion
  • Du springst schnell zu Loesungen

Ebene 2: Fokussiertes Zuhoeren

Volle Aufmerksamkeit auf den Sprecher. Du hoerst die Worte, bemerkst den Tonfall und verfolgst die Bedeutung.

Zeichen fuer Ebene 2:

  • Du kannst genau paraphrasieren, was gesagt wurde
  • Du merkst, wenn Worte und Tonfall nicht zusammenpassen
  • Du widerstehst dem Impuls, eigene Erfahrungen zu teilen
  • Du stellst Nachfragen basierend auf dem, was tatsaechlich gesagt wurde

Ebene 3: Globales Zuhoeren

Du hoerst alles: Worte, Tonfall, Koerpersprache, was nicht gesagt wird, die Energie im Raum.

Zeichen fuer Ebene 3:

  • Du bemerkst Verschiebungen in Energie oder Begeisterung
  • Du spuerst Themen, die vermieden werden
  • Du merkst, wenn etwas Tieferes unter der Oberflaeche liegt
  • Du kannst die Emotion benennen, die dein Gegenueber noch nicht artikuliert hat

Techniken des aktiven Zuhoerens

1. Zurueckspiegeln (Paraphrasieren)

Gib in eigenen Worten wieder, was du gehoert hast.

  • „Was ich hoere, ist…"
  • „Es klingt, als ob du sagst…"
  • „Lass mich sichergehen, dass ich verstehe: Du fuehlst [Emotion], weil [Situation]?"

2. Zusammenfassen

Verdichte eine laengere Erklaerung auf die Kernpunkte.

  • „Wenn ich zusammenfasse, gibt es drei zentrale Anliegen: [A], [B] und [C]. Trifft das zu?"

3. Die Emotion benennen

Artikuliere das Gefuehl, das du hinter den Worten spuerst.

  • „Das klingt wirklich frustrierend."
  • „Ich merke, dass dich diese Moeglichkeit begeistert."
  • „Es scheint eine gewisse Unsicherheit bei dieser Entscheidung mitzuschwingen."

4. Komfortable Stille

Nach einer Frage: Warte. Fuell die Stille nicht. Tiefes Nachdenken braucht Zeit.

Zaehle innerlich bis 7 nach einer Frage. Es fuehlt sich ewig an. Aber die besten Einsichten kommen nach der Stille.

Quick Check: Auf welcher Zuhoer-Ebene operierst du typischerweise? Sei ehrlich. Was wuerde sich aendern, wenn du eine Ebene hoeher geehen wuerdest?

Schulz von Thuns Beitrag

Friedemann Schulz von Thun — einer der einflussreichsten deutschen Kommunikationspsychologen — hat mit dem Vier-Ohren-Modell ein Werkzeug geschaffen, das aktives Zuhoeren vertieft. Jede Aussage hat vier Seiten:

OhrWas du hoerstBeispiel: „Das Meeting dauert schon wieder so lange"
SachohrFaktenDas Meeting ist objektiv lang
SelbstoffenbarungsohrWas die Person ueber sich verraetSie ist muede oder gelangweilt
BeziehungsohrWas sie ueber eure Beziehung sagt„Du respektierst meine Zeit nicht"
AppellohrWas sie von dir will„Fass dich kuerzer"

Als Coach hoerst du bewusst auf allen vier Ohren — und fragst nach, statt zu interpretieren: „Was davon trifft am ehesten zu?"

Die Kunst wirkungsvoller Fragen

Wirkungsvolle Fragen teilen bestimmte Merkmale:

MerkmalBeispiel
Offen„Was ist dir dabei am wichtigsten?"
Kurz„Was willst du?" (kein langer Absatz)
Neugierig, nicht lenkend„Wie siehst du das?" (nicht: „Findest du nicht auch, dass…?")
Zum Nachdenken anregend„Was wuerdest du tun, wenn du nicht scheitern koenntest?"
Zukunftsorientiert„Was ist der kleinste naechste Schritt?"

Fragen nach Zweck

Situation erkunden: „Erzaehl mir mehr." / „Was passiert wirklich?" / „Was ist das Schwierigste daran?"

Verstaendnis vertiefen: „Was steckt hinter diesem Gefuehl?" / „Welches Muster erkennst du?" / „Welche Auswirkungen hat das?"

Moeglichkeiten eroeffnen: „Was koenntest du anders machen?" / „Was hast du noch nicht in Betracht gezogen?"

Verpflichtung erzeugen: „Was wirst du als Erstes tun?" / „Wann faengst du an?" / „Welche Unterstuetzung brauchst du?"

Sanft herausfordern: „Welche Annahme steckt dahinter?" / „Stimmt das — oder fuehlt es sich nur so an?" / „Was wuerde jemand sagen, der anderer Meinung ist?"

Fragen, die du vermeiden solltest

VermeideWarumStattdessen
„Warum hast du das gemacht?"Loest Abwehr aus„Was hat zu dieser Entscheidung gefuehrt?"
„Findest du nicht, dass du…?"Suggestivfrage, kein Coaching„Welche Optionen siehst du?"
„Hast du schon X versucht?"Ratschlag als Frage getarnt„Welche Ansaetze hast du ueberlegt?"
Mehrere Fragen gleichzeitigUeberforderung — sie antworten auf die einfachsteImmer nur eine Frage

Die 70/30-Regel

In einem Coaching-Gespraech sollte der Coachee ungefaehr 70% der Zeit sprechen. Wenn du mehr als 30% redest, beraetest du wahrscheinlich — statt zu coachen.

Selbsttest: Schaetze nach deinem naechsten Gespraech das Verhaeltnis. Die meisten Menschen sind ueberrascht, dass sie 50-60% der Zeit selbst reden.

Key Takeaways

  • Drei Zuhoer-Ebenen: Intern (1), Fokussiert (2), Global (3) — mindestens Ebene 2 anstreben
  • Aktives Zuhoeren: Zurueckspiegeln, Zusammenfassen, Emotionen benennen, komfortable Stille
  • Schulz von Thuns Vier-Ohren-Modell vertieft das Zuhoeren auf allen Kommunikationsebenen
  • Wirkungsvolle Fragen sind offen, kurz, neugierig und zukunftsorientiert
  • Vermeide „Warum"-Fragen (defensiv), Suggestivfragen (getarnter Ratschlag) und Mehrfachfragen
  • Die 70/30-Regel: Der Coachee spricht 70% der Zeit

Up Next

In der naechsten Lektion geht es um Ziele setzen und Entwicklungsplaene — wie du Coaching-Einsichten in konkrete, messbare Fortschritte verwandelst.

Wissenscheck

1. Was unterscheidet aktives Zuhoeren von normalem Zuhoeren?

2. Warum sind offene Fragen im Coaching wirksamer als geschlossene?

3. Was tust du, wenn ein Coachee eine oberflaechliche Antwort gibt?

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Passende Skills