Rechtsgrundlagen: BetrVG und KI
Verstehe die betriebsverfassungsrechtlichen Grundlagen der KI-Mitbestimmung: §87, §90, §92, §95, §99 und §111 BetrVG.
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KI-Mitbestimmung basiert nicht auf einem einzelnen Paragraphen, sondern auf einem Zusammenspiel verschiedener Rechte im BetrVG. In dieser Lektion bekommst du den Ueberblick: Welche Paragraphen greifen, wann sie greifen und was sie dem Betriebsrat geben.
Die Rechtsgrundlagen-Landkarte
| Paragraph | Recht | Staerke | KI-Relevanz |
|---|---|---|---|
| §80 Abs. 3 | Sachverstaendiger bei KI | Information | Hoch — KI-Expertise einholen |
| §87 Abs. 1 | Mitbestimmung | Voll (Veto) | Sehr hoch — Nr. 1, 2, 6, 10, 11 |
| §90 | Unterrichtung + Beratung | Beratung | Hoch — neue Technik |
| §92 | Personalplanung | Beratung | Mittel — wenn KI Personalplanung unterstuetzt |
| §94 | Personalfragebogen | Mitbestimmung | Hoch — bei KI-Bewerbungsformularen |
| §95 | Auswahlrichtlinien | Mitbestimmung | Sehr hoch — Recruiting-KI |
| §99 | Personelle Einzelmassnahme | Zustimmung | Hoch — Einstellung, Versetzung |
| §111 | Betriebsaenderung | Interessenausgleich + Sozialplan | Hoch — grundlegende KI-Einfuehrung |
§87 Abs. 1 — Der Kernparagraph
§87 ist der staerkste Paragraph: Echte Mitbestimmung bedeutet, dass ohne Zustimmung des Betriebsrats nichts geht. Bei KI sind fuenf Nummern besonders relevant:
Nr. 1 — Ordnung des Betriebs: Regeln fuer die KI-Nutzung im Betrieb (z.B. KI-Nutzungsrichtlinie, erlaubte Tools, verbotene Nutzungsformen).
Nr. 2 — Arbeitszeit: KI-Systeme, die Arbeitszeiten planen, Schichten zuteilen oder Ueberstunden genehmigen/ablehnen.
Nr. 6 — Technische Ueberwachung: Der wichtigste Tatbestand bei KI. Greift bei objektiver Eignung zur Verhaltens- oder Leistungsueberwachung.
Nr. 10/11 — Entlohnung: KI-Systeme, die Leistungsbeurteilungen oder variable Verguetung beeinflussen.
✅ Quick Check: Ein Unternehmen fuehrt Microsoft Copilot fuer alle Mitarbeiter ein. Welche Nummern des §87 Abs. 1 koennten betroffen sein? (Tipp: Copilot kann Produktivitaet messen, Arbeitszeiten beeinflussen und die Nutzung protokollieren.)
§90 — Unterrichtung und Beratung
§90 gibt dem Betriebsrat kein Veto, aber ein fruehes Informationsrecht:
- Der Arbeitgeber muss rechtzeitig unterrichten — vor der Entscheidung
- Der Betriebsrat hat ein Beratungsrecht — aktives Gespraech, nicht nur Kenntnisnahme
- Betrifft: Planung neuer technischer Anlagen, Arbeitsverfahren und -ablaeufe
“Rechtzeitig” bei KI heisst: Bevor die Beschaffungsentscheidung faellt, nicht wenn das System schon laeuft. Idealerweise schon in der Evaluierungsphase.
§80 Abs. 3 — Sachverstaendiger fuer KI
Seit dem Betriebsraetemodernisierungsgesetz 2021 kann der Betriebsrat ausdruecklich einen Sachverstaendigen fuer KI hinzuziehen:
- Voraussetzung: KI wird eingesetzt oder soll eingefuehrt werden
- Kosten: Traegt der Arbeitgeber
- Umfang: Beurteilung des KI-Systems, seiner Auswirkungen und Risiken
Das ist in der Praxis oft entscheidend: Viele Betriebsraete koennen die technische Funktionsweise eines KI-Systems nicht eigenstaendig bewerten. Der Sachverstaendige schliesst diese Luecke.
§95 und §99 — Personalentscheidungen
Bei KI-Systemen, die Personalentscheidungen beeinflussen:
§95 BetrVG: Auswahlrichtlinien. Wenn ein KI-System Kriterien anwendet, nach denen Bewerber ausgewaehlt oder Mitarbeiter versetzt werden, sind das Auswahlrichtlinien — und der Betriebsrat bestimmt mit.
§99 BetrVG: Personelle Einzelmassnahmen. Wenn ein KI-System eine Einstellung, Versetzung oder Umgruppierung empfiehlt und der Arbeitgeber der Empfehlung folgt, kann der Betriebsrat die Zustimmung verweigern.
§111 — Betriebsaenderung
Wenn die KI-Einfuehrung eine grundlegende Aenderung der Betriebsorganisation darstellt:
- Massiver Stellenabbau durch Automatisierung
- Grundlegende Aenderung der Arbeitsweise in einer Abteilung
- Schliessung von Betriebsteilen durch KI-Ersatz
Dann greift §111 mit: Unterrichtung → Beratung → Interessenausgleich → ggf. Sozialplan.
Der EU AI Act verstaerkt die Mitbestimmung
Art. 26 Abs. 7 EU AI Act verlangt: Deployer (Betreiber) von Hochrisiko-KI muessen die Arbeitnehmervertretung informieren, bevor sie ein Hochrisiko-System in Betrieb nehmen. Das ist eine eigenstaendige Informationspflicht neben dem BetrVG — und sie gilt europaweit.
Key Takeaways
- §87 Abs. 1 Nr. 6 ist der Kerntatbestand: Objektive Eignung zur Ueberwachung genuegt — Absicht ist irrelevant
- Ein KI-System kann fuenf oder mehr Mitbestimmungstatbestaende gleichzeitig ausloesen
- §80 Abs. 3 seit 2021: Sachverstaendiger fuer KI auf Arbeitgeberkosten
- §90 sichert fruehes Informations- und Beratungsrecht — vor der Beschaffung
- Art. 26 Abs. 7 EU AI Act ergaenzt das BetrVG um eine europaeische Informationspflicht
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In der naechsten Lektion vertiefen wir die Mitbestimmungsrechte: Welche konkreten Rechte hat der Betriebsrat bei welchen KI-Systemen?
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