Mediation — Konflikte als Dritte loesen
Als neutrale dritte Person vermitteln: sechs Phasen der Mediation, Grundregeln und was du tust, wenn es nicht klappt.
Wenn zwei Leute einen Dritten brauchen
🔄 Recall: In der vorherigen Lektion hast du das BWNE-Framework fuer schwierige Gespraeche gelernt. Manchmal reicht ein direktes Gespraech aber nicht — zwei Kolleg:innen kommen allein nicht weiter und brauchen jemanden, der vermittelt.
Deine Teamleiterin kommt zu dir. Zwei Kollegen sprechen kaum noch miteinander. Die Produktivitaet sinkt. Das ganze Team spuert die Anspannung. Jemand muss helfen, den Knoten zu loesen.
By the end of this lesson, you’ll wissen, wie du als informelle Mediatorin bei Konflikten im Team vermitteln kannst.
Wann Mediation sinnvoll ist
Ja:
- Zwei Personen haben versucht, es direkt zu klaeren — ohne Erfolg
- Der Konflikt beeintraechtigt Teamleistung oder Stimmung
- Beide Seiten sind grundsaetzlich bereit, teilzunehmen (auch widerwillig)
- Es geht nicht um Regelverstoesse (die gehoeren zu HR)
Nein:
- Es besteht ein Machtgefaelle, das eine Partei in eine unsichere Lage bringt
- Es geht um Belaestigung oder Diskriminierung (formale Kanaele nutzen)
- Eine Partei hat null Interesse an einer Loesung
- Eine Entscheidung steht bereits fest und ist nicht verhandelbar
Mediation in Deutschland: Der rechtliche Rahmen
Das Mediationsgesetz (MediationsG) regelt seit 2012 die Rahmenbedingungen. Mediation ist ein freiwilliges, vertrauliches und strukturiertes Verfahren zur aussergerichtlichen Konfliktbeilegung.
Im Betrieb existiert die Einigungsstelle (§76 BetrVG) als formales Verfahren bei Konflikten zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat. Mediation ist die informellere, flexiblere Alternative — mit einer Erfolgsquote von 70–90% laut Bundesverband Mediation.
Der Betriebsrat hat bei bestimmten Themen (Arbeitszeit, Ordnung, Technik) ein Mitbestimmungsrecht (§87 BetrVG). Konflikte zwischen Betriebsrat und Geschaeftsfuehrung sind in Deutschland strukturell haeufig — und Mediation ist hier oft effektiver als die formale Einigungsstelle.
✅ Quick Check: Kennst du die Einigungsstelle in deinem Betrieb? Weisst du, wann sie zustaendig ist und wann Mediation die bessere Alternative waere?
Die sechs Phasen der Mediation
Phase 1: Einzelgespraeche (Vorsitzungen)
Triff jede Person einzeln fuer 15–20 Minuten.
Ziele:
- Perspektive verstehen — ohne Druck der Gegenseite
- Oberflaechen-Thema und tiefere Beduerfnisse identifizieren
- Emotionale Lage und Gespraechsbereitschaft einschaetzen
- Mediation erklaeren und Erwartungen setzen
Fragen:
- „Was ist aus deiner Sicht passiert?"
- „Wie hat sich das auf dich ausgewirkt?"
- „Wie saehe eine gute Loesung fuer dich aus?"
- „Was brauchst du von mir, damit du dich in dem Gespraech sicher fuehlst?"
Worauf achten:
- Punkte der Uebereinstimmung (die gibt es fast immer)
- Beduerfnisse unter der Oberflaeche (Respekt, Autonomie, Fairness)
- Bereitschaft, die andere Seite zu hoeren
Phase 2: Gemeinsame Sitzung eroeffnen
Bringe beide Parteien zusammen. Stelle den Rahmen her:
Grundregeln:
- Eine Person spricht zur Zeit
- Nicht unterbrechen
- Ich-Botschaften verwenden
- Zuhoeren, nicht auf den eigenen Einsatz warten
- Was hier gesagt wird, bleibt hier
Dein Eroeffnungsstatement: „Danke, dass ihr beide hier seid. Meine Rolle ist es, euch bei einem produktiven Gespraech zu unterstuetzen — nicht zu entscheiden, wer recht hat. Ich werde sicherstellen, dass jeder gehoert wird. Das Ziel ist, einen Weg nach vorne zu finden, der fuer euch beide funktioniert."
Phase 3: Perspektiven teilen
Jede Person teilt ihre Perspektive ohne Unterbrechung.
Nach Person A:
- Paraphrasiere die Kernpunkte
- Benenne beobachtete Emotionen
- Frage Person B: „Was hat dich ueberrascht oder berührt an dem, was du gehoert hast?"
Nach Person B:
- Gleicher Ablauf
- Frage Person A: „Was war anders als du erwartet hast?"
Dieser Kreuz-Reflektions-Schritt ist der Moment, in dem Durchbrueche passieren. Menschen entdecken oft, dass die Erfahrung der anderen Person ganz anders ist als angenommen.
Phase 4: Gemeinsamkeiten identifizieren
Benenne die ueberlappenden Interessen, die du hoerst:
- „Es klingt, als wollt ihr beide, dass die Kommunikation bei Projektaenderungen klar ist."
- „Euch ist beiden wichtig, dass das Team gut zusammenarbeitet."
- „Keiner von euch moechte, dass diese Spannung weitergeht."
Gemeinsamkeiten reframen den Konflikt von „Ich gegen dich" zu „Wir gegen das Problem."
Phase 5: Loesungen entwickeln
Shift von „Was ist passiert?" zu „Was jetzt?"
Frage beide:
- „Was muesste sich aendern, damit es kuenftig funktioniert?"
- „Was seid ihr jeweils bereit, anders zu machen?"
- „Welche Vereinbarungen wuerden verhindern, dass das nochmal passiert?"
Leite zu konkreten Vereinbarungen: Nicht: „Wir kommunizieren besser." Sondern: „Wir machen jeden Montag einen 10-Minuten-Sync, um die Prioritaeten der Woche abzustimmen."
Phase 6: Vereinbarung und Follow-up
Fasse zusammen, was vereinbart wurde. Lass beide bestaetigen.
Gute Vereinbarung:
- Konkrete Handlungen (Wer macht was, bis wann?)
- Messbare Ergebnisse (Woran merken wir, dass es klappt?)
- Check-in-Termin (Wann schauen wir, ob es funktioniert?)
- Eskalationspfad (Was passiert, wenn die Vereinbarung bricht?)
Plane ein Follow-up in 2 Wochen.
Typische Herausforderungen
Eine Person dominiert. Sanft unterbrechen: „Ich moechte sicherstellen, dass wir beide gleich zu Wort kommen. [Name], wie siehst du das?"
Jemand macht dicht. Pause einlegen. Einzeln ansprechen: „Mir ist aufgefallen, dass du gerade still geworden bist. Was geht dir durch den Kopf?"
Emotionen kochen hoch. Deeskalationstechniken aus Lektion 4 anwenden: „Lasst uns kurz durchatmen. Das hier ist ein wichtiges Gespraech und ich moechte, dass wir es gut fuehren koennen."
Keine Einigung. Das ist okay. Manchmal klaert Mediation die Positionen, ohne zu einer Loesung zu fuehren. „Wir haben heute keine Loesung gefunden, aber wir verstehen uns besser. Lasst uns naechste Woche mit frischem Kopf weitermachen."
KI einsetzen
Ich soll als informelle Mediatorin zwischen zwei Kolleg:innen
vermitteln. Der Konflikt: [Situation beschreiben].
Hilf mir:
1. Fragen fuer die Einzelgespraeche formulieren
2. Ein Eroeffnungsstatement fuer die gemeinsame Sitzung schreiben
3. Moegliche Gemeinsamkeiten identifizieren
4. Konkrete Vereinbarungsvorschlaege entwickeln
Key Takeaways
- Mediatoren erleichtern, urteilen nicht — sie helfen den Parteien, ihre eigene Loesung zu finden
- Einzelgespraeche vor der gemeinsamen Sitzung sind essenziell fuer Verstaendnis und Vorbereitung
- Grundregeln vor dem Gespraech setzen den Rahmen fuer produktiven Dialog
- Kreuz-Reflektion (jede Partei reflektiert, was sie von der anderen gehoert hat) treibt Durchbrueche
- Gute Vereinbarungen sind konkret, messbar und beinhalten Follow-up-Termine
- In Deutschland: Mediationsgesetz (2012), Einigungsstelle (BetrVG) und Mediation als Alternativen
- Nicht jede Mediation fuehrt zu einer Einigung — und das ist okay
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In Lektion 7: Typische Teamkonflikte wendest du alles Gelernte auf die fuenf haeufigsten Konflikte im Arbeitsalltag an — vom Leistungsklau ueber Remote-Missverstaendnisse bis zum Revierkampf.
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