Dialog, Stimme und Stil
Schreibe natuerlich klingende Dialoge die Figuren offenbaren, entwickle deine Autorenstimme und arbeite an Prosa mit eigenem Stil.
🔄 Kurzer Rueckblick: In der letzten Lektion hast du Plotstruktur und Story-Architektur gelernt: den Story-Motor, eskalierende Hindernisse, die Midpoint-Wende und den dunklen Moment. Jetzt bringst du deine Figuren zum Sprechen — und findest deine eigene Schreibstimme.
Lies diese zwei Versionen desselben Gespraechs:
Version A:
„Ich bin wuetend auf dich", sagte Sarah. „Ich verstehe dass du wuetend bist. Es tut mir leid was ich getan habe", antwortete Mark. „Ich weiss nicht ob ich dir verzeihen kann. Du hast mein Vertrauen missbraucht", sagte Sarah. „Ich weiss dass ich dein Vertrauen missbraucht habe. Ich werde es zurueckgewinnen", sagte Mark.
Version B:
Sarah umklammerte ihren Kaffeebecher mit beiden Haenden. Immer noch keinen Schluck genommen. „Also." „Also." Mark zupfte an der Pappmanchette seines Bechers. „Ich muss die ganze Zeit an das denken was du gesagt hast. Im Krankenhaus." Sie sah ihn endlich an. „Du weisst welche Stelle." „Sarah —" „Lass es. Ich bin nicht fuer eine Entschuldigung hier." „Wofuer dann?" Sie trank einen Schluck. Verzog das Gesicht. „Der Kaffee hier ist furchtbar." „War er schon immer." „Ja." Sie stellte den Becher ab. „Vielleicht deshalb."
Version A ist Dialog der erzaehlt. Version B ist Dialog der zeigt. Dasselbe Gespraech, dieselben Emotionen — aber in Version B passiert alles Wichtige zwischen den Zeilen. Der Leser spuert die Spannung. Die Figuren fuehlen sich echt an.
Die drei Gesetze grossartigen Dialogs
Gesetz 1: Menschen sagen nicht was sie meinen
Im echten Leben reden Menschen um Dinge herum. Sie weichen aus. Sie benutzen Humor um Verletzlichkeit zu vermeiden. Sie beantworten Fragen mit anderen Fragen. Sie sagen „Mir geht’s gut" wenn sie am Boden sind.
Das nennt sich Subtext: die Bedeutung unter den Worten.
Ich habe eine Szene in der [Figur A] [Figur B] sagen muss
dass [emotionale Wahrheit].
Schreib dieses Gespraech auf drei Arten:
1. On the nose (sie sagen exakt was sie meinen — zeig mir
was ich vermeiden sollte)
2. Mit Subtext (sie reden ueber etwas voellig anderes, aber
das eigentliche Gespraech laeuft darunter)
3. Durch Konflikt (sie streiten ueber etwas Banales, aber
das wahre Thema scheint durch)
Figuren: [Kurzbeschreibungen inklusive Persoenlichkeit
und Beziehung zueinander]
Die drei Versionen zu vergleichen lehrt dich Subtext intuitiv zu erkennen.
Gesetz 2: Jede Figur klingt anders
Deck die Inquit-Formeln in deinem Manuskript ab. Kannst du erkennen wer spricht? Wenn nicht, teilen sich deine Figuren eine Stimme.
Eigenstaendiger Dialog kommt von:
| Element | Wie es sich zwischen Figuren unterscheidet |
|---|---|
| Wortschatz | Gebildet vs. umgangssprachlich vs. technisch vs. poetisch |
| Satzlaenge | Wortkarg vs. weitschweifig vs. praezise |
| Rhythmus | Abgehackt vs. fliessend vs. unterbrochen |
| Verbale Gewohnheiten | Bestimmte Wendungen, Abschwaechen, Fluchen |
| Kommunikationsstil | Direkt vs. ausweichend vs. erzaehlerisch |
| Was sie vermeiden | Themen die sie wechseln, Woerter die sie nie benutzen |
Ich habe zwei Figuren im Dialog:
Figur A: [Name, Hintergrund, Persoenlichkeit]
Figur B: [Name, Hintergrund, Persoenlichkeit]
Sie diskutieren: [Thema]
Schreib 10 Dialogzeilen (abwechselnd) die durch WIE
sie sprechen ihren Charakter offenbaren, nicht nur durch
WAS sie sagen. Inklusive:
- Unterschiedliche Vokabular-Niveaus
- Unterschiedliche Satzstrukturen
- Mindestens eine verbale Gewohnheit pro Figur
- Einen Moment in dem Kommunikationsstile kollidieren
✅ Quick Check: Nimm zwei Figuren die du kennst — aus einem Buch, Film oder deiner eigenen Geschichte. Koenntest du sie anhand eines einzigen Satzes unterscheiden? Wenn ja: Was genau macht den Unterschied? (Antwort: Eigenstaendige Stimmen zeigen sich in Wortwahl, Rhythmus, dem was die Figur nicht sagt, und ihren verbalen Tics. Sherlock Holmes und Dr. Watson sind am selben Satz erkennbar.)
Gesetz 3: Dialog treibt etwas voran
Jedes Gespraech in deiner Geschichte sollte mindestens eines davon vorantreiben:
- Figur (wir erfahren etwas Neues darueber wer jemand ist)
- Plot (die Situation aendert sich durch dieses Gespraech)
- Spannung (Konflikte eskalieren, Allianzen verschieben sich, Geheimnisse drohen aufzufliegen)
Wenn ein Gespraech nichts davon vorantreibt — streichen.
Dialog-Handwerk
Inquit-Formeln und Beats
Inquit-Formeln sind Zuordnungen: „sagte sie", „fragte er".
Beats sind Handlungen die in den Dialog eingewoben sind: Sie stellte ihr Glas ab. Er sah weg.
Die Regel: „Sagte" ist unsichtbar. Die Augen des Lesers gleiten drueber hinweg. Ausgefallene Alternativen („rief er aus", „verkuendete sie", „hauchte er") lenken die Aufmerksamkeit auf sich und weg vom Dialog. Benutze „sagte" und „fragte" zu 90%.
Beats sind nuetzlicher als Inquits weil sie doppelte Arbeit leisten: Sie zeigen wer spricht UND offenbaren Figur durch Koerpersprache.
Unterbrechungen und Fragmente
Echte Menschen unterbrechen sich. Sie verlieren den Faden. Sie fangen mitten im Satz neu an.
„Ich dachte wir koennten vielleicht —"
„Nein."
„Du hast mich nicht mal —"
„Muss ich nicht. Die Antwort ist nein."
Gedankenstriche (—) fuer Unterbrechungen. Auslassungspunkte (…) fuer Abschweifen. Sparsam einsetzen, aber keine Angst davor haben.
Deine Autorenstimme finden
Was Stimme ist
Stimme ist der Gesamteffekt all deiner Schreibentscheidungen: Wortwahl, Satzrhythmus, was du bemerkst, was du uebergehst, wie du mit Zeit umgehst, deine Beziehung zum Leser.
Stimme ist nichts das du waehlst. Es ist etwas das du freilegst.
Die Stimmen-Entdeckung
Schreib einen Absatz ueber dasselbe Thema auf drei verschiedene Arten. Dann lass KI analysieren was in allen drei konsistent ist:
Ich habe drei Versionen von [derselben Szene/demselben Thema] geschrieben:
Version 1: [einfuegen]
Version 2: [einfuegen]
Version 3: [einfuegen]
Analysiere was in allen drei Versionen konsistent ist:
- Satzstruktur-Tendenzen (Laenge, Komplexitaet, Rhythmus)
- Wortwahl-Muster (konkret vs. abstrakt, formell vs.
informell, sensorische Praeferenzen)
- Was ich beschreibe vs. was ich uebergehe
- Meine Beziehung zum Leser (distanzierter Beobachter,
vertrauter Erzaehler, ironischer Kommentator, etc.)
- Emotionale Tendenzen (Ironie, Empathie, Humor, Melancholie?)
Diese Konsistenzen sind der Embryo meiner Stimme.
Was koennte ich tun um sie zu staerken und zu schaerfen?
Stil: Das Handwerk auf Satzebene
Rhythmus: Prosa hat Rhythmus wie Musik. Kurze Saetze haemmern. Lange Saetze tragen den Leser mit sich, bauen Schwung und Komplexitaet auf, schichten Nebensatz um Nebensatz bis das Gewicht der Idee fast koerperlich wird. Siehst du was gerade passiert ist?
Variiere deine Satzlaenge bewusst. Ein Absatz mit gleich langen Saetzen erzeugt Monotonie. Mische.
Spezifitaet: „Der Vogel landete auf dem Zaun" ist generisch. „Die Amsel landete auf dem Maschendrahtzaun und die obere Strebe wippte unter ihrem Gewicht" ist spezifisch. Spezifitaet erzeugt Bilder. Bilder erzeugen Emotion. Emotion erzeugt Leser denen etwas liegt.
Kuerzen: Erste Entwuerfe sind immer zu lang. Starker Stil entsteht durch Streichen. Jedes Wort muss seinen Platz verdienen.
Hier ist ein Absatz: [einfuegen]
Zeig mir diesen Absatz in drei Laengen:
1. Aktuelle Laenge (identifiziere totes Gewicht)
2. 25% gekuerzt (entferne was nicht essenziell ist)
3. 50% gekuerzt (nur der Knochen bleibt)
Erklaere fuer jeden Schnitt was verloren geht und ob der
Verlust zählt.
Oft ist die 25%-Version die staerkste. Sie hat den Muskel ohne das Fett.
Uebung: Die Dialog-Werkstatt
Schreib eine Dialogszene zwischen zwei Figuren. Die Situation: Eine Person hat ein Geheimnis das sie vor der anderen verbirgt, aber das Gespraech dreht sich um etwas Alltaegliches (Abendessen-Plaene, ein Arbeitsprojekt, ein kaputter Wasserhahn).
Lass KI danach auswerten:
Bewerte diese Dialogszene:
[Szene einfuegen]
1. Kannst du das Geheimnis aus Subtext-Hinweisen erkennen?
2. Klingen die Figuren unterschiedlich?
3. Gibt es Spannung unter dem Oberflaechengespraech?
4. Wirken Beats und Inquits natuerlich?
5. Was ist der staerkste Moment, was der schwaechste?
Key Takeaways
- Grossartiger Dialog offenbart Figuren, treibt den Plot voran und erzeugt Spannung — idealerweise gleichzeitig
- Menschen sagen nicht was sie meinen: Subtext ist der Ort des eigentlichen Gespraechs
- Jede Figur braucht eine eigenstaendige Stimme: Wortschatz, Rhythmus, Gewohnheiten, Vermeidungsmuster
- „Sagte" ist unsichtbar und nuetzlich; Beats leisten mehr Arbeit als ausgefallene Inquit-Formeln
- Deine Autorenstimme existiert bereits in Embryo-Form; Entwicklung bedeutet natuerliche Muster erkennen und staerken
- Stil entsteht durch Spezifitaet, variierten Rhythmus und Kuerzen
- KI kann Dialog-Varianten generieren, Stimmen-Muster analysieren und Szenen bewerten
Up Next
In der naechsten Lektion geht es ums Schreiben in verschiedenen Genres — Fantasy, Krimi, Liebesroman, literarische Fiktion, Horror und Lyrik. Jedes Genre hat seinen eigenen Vertrag mit dem Leser.
Wissenscheck
Erst das Quiz oben abschließen
Lektion abgeschlossen!