Behauptungen und Evidenz prüfen
Lerne ein systematisches Rahmenwerk, um jede Behauptung zu bewerten — von Produktversprechen über Schlagzeilen bis zu Geschäftsvorschlägen.
Die Behauptung, die Milliarden kostete
Ein Startup behauptete, sein Bluttestgerät könne Hunderte Tests aus einem einzigen Tropfen Blut durchführen. Investoren steckten Milliarden hinein. Journalisten schrieben begeisterte Porträts. Behörden erteilten Genehmigungen. Fast niemand stellte die entscheidende Frage: „Wo ist der Beweis, dass das tatsächlich funktioniert?"
Das Gerät funktionierte nicht. Das Unternehmen war Theranos. Die Evidenz — hätte sie jemand eingefordert — hätte den Betrug Jahre früher aufgedeckt.
Nach dieser Lektion hast du eine systematische Methode, um jede Behauptung zu prüfen: von Produktversprechen über wissenschaftliche Ergebnisse bis zu Vorschlägen im Meeting.
Das Behauptungs-Prüf-Rahmenwerk
Jede Behauptung lässt sich mit vier Fragen bewerten. Klingt simpel — ist es auch. Aber die meisten Menschen stellen diese Fragen halt nie.
Frage 1: Was genau wird behauptet?
Bevor du Evidenz prüfst, musst du die Behauptung präzise verstehen. Vage Behauptungen sind unmöglich zu bewerten — und genau das ist oft Absicht.
Vage: „Unser Produkt steigert die Produktivität." Präzise: „Unser Projektmanagement-Tool reduziert die Zeit in Statusmeetings um 30 %, gemessen über 200 Teams in 6 Monaten."
Merkst du den Unterschied? Die vage Version kann nie widerlegt werden. Die präzise Version schon — und genau das macht sie überprüfbar.
Hier ist eine Behauptung, die ich bewerten möchte:
[Behauptung einfügen]
Hilf mir, sie präzise zu formulieren:
1. Was genau wird behauptet?
2. Welches messbare Ergebnis ist impliziert?
3. Was ist der Geltungsbereich (wer, wann, wo)?
4. Was müsste stimmen, damit die Behauptung
gültig ist?
Frage 2: Welche Evidenz wird angeboten?
Nicht jede Evidenz ist gleich stark. Hier die Evidenz-Hierarchie von stärkster zu schwächster:
| Evidenzstufe | Art | Stärke |
|---|---|---|
| 1 (Stärkste) | Meta-Analysen mehrerer kontrollierter Studien | Sehr hoch |
| 2 | Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) | Hoch |
| 3 | Beobachtungsstudien mit großen Stichproben | Mittel |
| 4 | Einzelfallstudien und kleine Stichproben | Niedrig-mittel |
| 5 | Expertenmeinungen | Niedrig |
| 6 | Erfahrungsberichte und Testimonials | Sehr niedrig |
| 7 (Schwächste) | Keine Evidenz (reine Behauptung) | Keine |
Die meisten überzeugend klingenden Behauptungen stützen sich auf Stufe 5–7. „Studien zeigen…" ohne Quellenangabe? Stufe 7. „Mein Freund hat das probiert und…" ist Stufe 6. Tja, und genau diese Stufen begegnen dir im Alltag am häufigsten.
✅ Quick Check: Eine Nahrungsergänzungsmittel-Marke wirbt: „Ärzte empfehlen unser Produkt." Wo liegt das auf der Evidenz-Hierarchie? Welche zusätzlichen Informationen bräuchtest du?
Frage 3: Gibt es eine Lücke zwischen Behauptung und Evidenz?
Der häufigste Trick bei irreführenden Argumenten: Die Lücke zwischen dem, was die Evidenz zeigt, und dem, was behauptet wird.
Evidenz: „Teilnehmer, die unsere App nutzten, berichteten, sich produktiver zu fühlen." Behauptung: „Unsere App macht dich produktiver."
Die Lücke: Sich produktiv zu fühlen und produktiv zu sein sind grundverschiedene Dinge. Und genau in dieser Lücke versteckt sich der Betrug.
Typische Lücken, auf die du achten solltest:
- Korrelation vs. Kausalität: Die Daten zeigen ein Muster, aber die Behauptung unterstellt eine Ursache. Eisverkauf und Ertrinkungsfälle steigen beide im Sommer — aber Eis verursacht kein Ertrinken
- Relative vs. absolute Zahlen: „50 % Verbesserung" kann bedeuten: von 2 % auf 3 %. Klingt weniger beeindruckend, oder?
- Selektive Ergebnisse: Die Studie hat 20 Dinge gemessen — nur das positive Ergebnis wird erwähnt
- Stichprobe vs. Population: Ergebnisse von Studierenden gelten nicht automatisch für alle
Frage 4: Wer profitiert?
Folge den Anreizen. Wer hat etwas davon, dass du diese Behauptung glaubst?
- Ein Pharmakonzern, der behauptet, sein Medikament wirke
- Ein Politiker, der behauptet, die Wirtschaft laufe gut (oder schlecht)
- Ein Berater, der behauptet, dein Unternehmen brauche seine Dienste
- Ein Nachrichtenportal, das behauptet, die Welt sei gefährlicher denn je
Anreize machen eine Behauptung nicht automatisch falsch — aber sie bedeuten, dass du stärkere Evidenz verlangen solltest.
✅ Quick Check: Du liest, dass eine von einem Limonaden-Konzern finanzierte Studie herausgefunden hat, dass Zucker nicht zu Übergewicht beiträgt. Wie beeinflusst die Finanzierungsquelle deine Bewertung? Beweist sie, dass das Ergebnis falsch ist?
Der 5-Minuten-Behauptungs-Check
Für alltägliche Behauptungen fängt dieser Schnellcheck die meisten Probleme ab:
Ich möchte diese Behauptung schnell bewerten:
[Behauptung einfügen]
Mach einen 5-Minuten-Check:
1. PRÄZISE BEHAUPTUNG: Was genau wird behauptet?
2. EVIDENZSTUFE: Welche Art von Evidenz wird angeboten?
(Meta-Analyse? RCT? Erfahrungsbericht? Keine?)
3. LÜCKE: Unterstützt die Evidenz tatsächlich
die konkrete Behauptung?
4. ALTERNATIVE ERKLÄRUNGEN: Was könnte das Ergebnis
sonst erklären?
5. ANREIZE: Wer profitiert davon, dass die Behauptung
geglaubt wird?
6. URTEIL: Auf einer Skala von 1-10, wie gut ist
diese Behauptung belegt?
Üben mit echten Behauptungen
Lass uns das Rahmenwerk an typischen Behauptungsarten anwenden:
Gesundheitsbehauptung: „Dieses Superfood stärkt dein Immunsystem."
- Evidenzstufe? Meist Testimonials oder selektive Studien (Stufe 5–6)
- Lücke? „Stärkt Immunsystem" ist vage und kaum messbar
- Anreiz? Das Unternehmen, das das Superfood verkauft
Geschäftsbehauptung: „Unternehmen, die unsere Software nutzen, wachsen 3× schneller."
- Evidenzstufe? Wahrscheinlich Beobachtungskorrelation (Stufe 3–4)
- Lücke? Selektionsverzerrung — schneller wachsende Unternehmen adoptieren eben mehr Tools
- Anreiz? Der Umsatz des Software-Unternehmens hängt von diesem Glauben ab
Nachrichten-Behauptung: „Die Kriminalität ist auf einem Allzeithoch."
- Evidenzstufe? Hängt von den zitierten Daten ab
- Lücke? „Allzeithoch" in welcher Kategorie? An welchem Ort? Nach welcher Messung?
- Anreiz? Angstbasierte Behauptungen treiben Klicks und Engagement
Probier es selbst
Finde eine Behauptung aus den heutigen Nachrichten, sozialen Medien oder einer Produktwerbung. Lass sie durch das komplette Rahmenwerk mit KI laufen:
Bewerte diese reale Behauptung für mich:
[Behauptung mit Quelle einfügen]
Führe eine komplette Bewertung durch:
1. Was genau wird behauptet?
2. Welche Evidenz wird angeboten (und welche Stufe)?
3. Wo ist die Lücke zwischen Evidenz und Behauptung?
4. Welche alternativen Erklärungen gibt es?
5. Wer profitiert von dieser Behauptung?
6. Welche zusätzliche Evidenz bräuchte ich,
um sie zu akzeptieren oder abzulehnen?
7. Gesamturteil mit Konfidenz-Level
Übe das mit drei verschiedenen Behauptungen. Du wirst schnell die Gewohnheit entwickeln, automatisch zu bewerten.
Wichtigste Erkenntnisse
- Jede Behauptung lässt sich mit vier Fragen prüfen: Was wird behauptet? Welche Evidenz? Gibt es eine Lücke? Wer profitiert?
- Evidenz existiert auf einer Hierarchie von Meta-Analysen (stärkste) bis zu unbelegten Behauptungen (schwächste)
- Die häufigste Täuschung ist die Lücke zwischen dem, was die Evidenz zeigt, und dem, was behauptet wird
- Korrelation ist nicht Kausalität — frag immer nach dem Mechanismus, nicht nur nach dem Muster
- Anreize entkräften Behauptungen nicht automatisch, aber sie sollten deine Evidenz-Anforderungen erhöhen
- Der 5-Minuten-Check fängt die meisten problematischen Behauptungen schnell ab
Nächste Lektion
In Lektion 3: Kognitive Verzerrungen erkennen schauen wir uns die mentalen Abkürzungen an, die selbst kluge Menschen zu vorhersehbar schlechten Urteilen verleiten — und wie du dich ertappst, bevor es passiert.
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