Ein Exposé mit Video bekommt deutlich mehr Anfragen als eines ohne — die Zahl, die durch die Branche geistert, liegt bei rund dem Vierfachen. Jeder Makler weiß das. Das Wissen war nie das Problem.
Das Problem war der Preis. Ein ordentlicher Videograf kostet pro Objekt schnell 200 bis 800 Euro. Also gab’s Video bisher für die 700.000-Euro-Stadtvilla — und für die 280.000-Euro-Eigentumswohnung halt nicht. Genau diese Rechnung stellt eine neue Funktion gerade infrage: Googles Gemini Omni kann aus einem Handy-Rundgang ein geschnittenes Video machen.
Klingt nach einem guten Deal. Ist es auch — wenn du den ehrlichen Workflow nimmst und die eine rote Linie kennst.
Was Gemini Omni hier tatsächlich macht
Kurz und ohne Marketing-Sprech: Du filmst eine Wohnung mit dem Handy ab, gibst Gemini Omni das Rohmaterial und bittest um ein fertiges Exposé-Video. Die KI schneidet die wackeligen Stellen raus, bringt die Räume in eine sinnvolle Reihenfolge, setzt das Tempo, legt — wenn du willst — dezente Texteinblendungen und Musik drüber.
Was vorher ein halber Drehtag mit Schnitt war, ist jetzt ein Handy-Rundgang plus ein, zwei Anläufe mit einem Prompt. Das ist die echte Veränderung. Nicht „die KI dreht den Film", sondern „die KI übernimmt den Schnitt, den du sonst auslagern oder abends selbst machen müsstest".
Der ehrliche Workflow
Damit am Ende was Brauchbares rauskommt, zählt das Rohmaterial. Müll rein, Müll raus — daran ändert auch die beste KI nichts.
Film sauber ab. Geh langsam und gleichmäßig durch die Wohnung. Nutz das Tageslicht, mach vorher die Rollläden hoch, schalt störende Lampen aus oder an — wie es eben am besten wirkt. Halt das Handy ruhig, am besten mit einem kleinen Gimbal. Geh jeden Raum einmal komplett ab: rein, einmal schwenken, raus. Lieber etwas zu viel Material als zu wenig.
Gib der KI eine klare Ansage. Nicht „mach ein Video draus", sondern: „Schneide daraus ein 60-Sekunden-Exposé-Video, Reihenfolge Eingang – Wohnzimmer – Küche – Schlafzimmer – Bad – Balkon, ruhiges Tempo, dezente Texteinblendung mit Raumname, keine grelle Musik." Je präziser die Ansage, desto weniger Korrekturrunden.
Prüf das Ergebnis Bild für Bild. Schau das fertige Video an, als wärst du der Interessent. Stimmt die Reihenfolge? Wirken die Räume real? Hat die KI irgendwo etwas „aufgehübscht", das so nicht stimmt? Dieser letzte Blick ist nicht optional — er ist der wichtigste Schritt.
Mit etwas Übung ist ein Objekt in einem überschaubaren Aufwand durch. Und auf einmal lohnt sich Video eben auch für die kleine Wohnung.
Die Grenze, die du nicht überschreiten darfst
Jetzt der Teil, den die Tool-Werbung gern weglässt. Ein Immobilienvideo ist in Deutschland kein freies Kunstwerk. Es ist Teil deiner Objektdarstellung — und damit gelten dieselben Regeln wie für das geschriebene Exposé.
Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) verbietet irreführende Werbung. Übersetzt für deinen Alltag heißt das: Das Video darf den Zustand des Objekts nicht schöner machen, als er ist. Und genau hier wird KI gefährlich, weil sie es so leicht macht.
Lass die KI nicht:
- den dauergrauen Himmel durch strahlendes Blau ersetzen
- Risse, Flecken oder veraltete Bäder „wegrechnen"
- Räume optisch größer wirken lassen, als sie sind
- den Lärm der nahen Hauptstraße aus der Tonspur filtern, als gäbe es ihn nicht
Das ist keine Geschmacksfrage. Eine geschönte Darstellung kann dem Käufer oder Mieter später Ansprüche eröffnen — und dir als Makler Ärger, der jeden eingesparten Videografen-Euro um ein Vielfaches auffrisst. Die Maße, der Ausblick, der bauliche Zustand: Was im Video zu sehen ist, muss der Realität entsprechen.
Die saubere Linie ist einfach zu merken: KI für den Schnitt, nicht für die Fiktion. Tempo, Reihenfolge, Übergänge, Texteinblendungen, ein bisschen Politur bei Licht und Stabilität — alles in Ordnung. Sobald die KI anfängt, etwas zu zeigen, das in der Wohnung nicht existiert, bist du auf der falschen Seite des UWG.
Was das für dich heißt
Wenn du als Makler bisher auf Video verzichtet hast: Der Kostengrund fällt weg. Du kannst jetzt auch das mittlere und kleine Objekt mit Bewegtbild ausstatten — und genau dort, wo bisher nur Fotos standen, ist der Abstand zum Wettbewerb am größten.
Wenn du schon mit Videografen arbeitest: Die werden nicht überflüssig. Für das Premium-Objekt, den Imagefilm, die Drohnenaufnahme bleibt der Profi der Profi. Aber für den Großteil deiner Pipeline ist der KI-Schnitt schnell genug und gut genug.
Wenn du jetzt loslegst: Mach dein erstes Video an einem Objekt, das du gut kennst, und vergleich das Ergebnis ehrlich mit der Realität. Dieser erste Abgleich schult dein Auge dafür, wo die KI zu „kreativ" wird.
Fazit
Gemini Omni nimmt dem Exposé-Video das Teuerste: die Produktion. Was es dir nicht abnimmt, ist die Verantwortung. Das Video trägt deinen Namen, und es muss zeigen, was der Interessent bei der Besichtigung auch vorfindet — keinen Quadratmeter mehr, keinen Sonnenstrahl zu viel.
Mach es ehrlich, und du hast ein günstiges, schnelles Werkzeug, das deine Objekte sichtbarer macht. Mach es geschönt, und du baust dir Haftungsrisiken ein, die kein Tool der Welt wieder rausschneidet.
Tiefer rein geht’s mit KI für Immobilienmakler — dort sind die maklerspezifischen Anwendungen samt rechtlicher Leitplanken — und KI-Videos erstellen zeigt dir das Handwerk hinter sauberen KI-Schnitten.