Die Medizinische Hochschule Hannover hat sich ChatGPT mal genauer angeschaut – und zwar bei ganz normalen Medikamentenfragen, wie sie in jeder Apotheke täglich vorkommen. Ergebnis: Ein pharmakologischer Fachgutachter fand bei den ChatGPT-Antworten 39 Fehler, das sind 55,7 Prozent. Bei den von Menschen verfassten Antworten waren es nur 12, also 17,1 Prozent. Und die Fehler waren nicht harmlos: In einem Fall verwechselte der Chatbot ein Antibiotikum mit einem Beruhigungsmittel und unterstellte eine Wechselwirkung mit einem bestimmten Schmerzmittel, die es so gar nicht gibt. In einem anderen Fall wurde ein Insulin zur Diabetesbehandlung fälschlicherweise als Schmerzmittel eingeordnet.
Das ist der Punkt, an dem viele PTA und Apotheker gerade selbst hinstolpern: ChatGPT klingt kompetent, wirkt hilfreich, spart Zeit – und liegt bei genau der Aufgabe, bei der es am meisten drauf ankommt, öfter falsch als richtig.
Was die Studie wirklich zeigt
Die MHH-Forscher haben ChatGPT keine Fangfragen gestellt, sondern reale Medikamentenfragen, wie sie am HV-Tisch oder in der Rezeptur vorkommen. Genau das macht das Ergebnis so unbequem: Es geht nicht um Extremfälle, sondern um Alltag. Und in diesem Alltag lag ChatGPT bei mehr als jeder zweiten Antwort daneben – teils mit Fehlern, die laut den Studienautoren bei einer echten Anwendung zu einer Patientengefährdung geführt hätten.
Das deckt sich mit dem, was internationale Studien 2025 und 2026 unabhängig voneinander gefunden haben: Eine Untersuchung der University of British Columbia zu HIV-Medikamenten kam auf eine korrekte Klassifikation von nur 40,4 Prozent bei Wechselwirkungen – und 60,7 Prozent der falschen Antworten waren sogenannte falsch-negative Ergebnisse. Sprich: ChatGPT sagte “keine Wechselwirkung”, obwohl tatsächlich eine bestand. Genau das ist der gefährlichste Fehlertyp, weil er unbemerkt bleibt, bis etwas passiert.
Wofür ChatGPT in der Apotheke tatsächlich taugt
Die Fehlerquote bei Wechselwirkungs-Checks heißt nicht, dass ChatGPT in der Apotheke nichts verloren hat. Es heißt nur, dass man genau wissen muss, wofür man es einsetzt:
- Patientenaufklärung in einfacher Sprache. Ein Beipackzettel in verständliche Sätze übersetzen, auf 6.-Klasse-Niveau – das kann ChatGPT gut, solange die Ausgangsinformation (Fachinformation, Beipackzettel) als Quelle mitgegeben wird und nicht aus dem Gedächtnis des Modells kommt.
- Erste Entwürfe für Medikationsanalysen. Ein pharmazeutischer Kollege, der nach einem Beratungsgespräch eine strukturierte Zusammenfassung braucht, kann sich von ChatGPT einen ersten Entwurf schreiben lassen – ohne Patientennamen, ohne Identifizierungsmerkmale.
- Verständnishilfe für PTA in der Ausbildung. Als Lernhilfe, um einen Wirkmechanismus in eigenen Worten erklärt zu bekommen, ist ChatGPT brauchbar – solange am Ende gegen ein Fachbuch oder eine geprüfte Datenbank abgeglichen wird.
Was in keinem Fall geht: die reale Wechselwirkungsprüfung ersetzen. Die apotheke-adhoc-Redaktion bringt es auf den Punkt: Eine reale Medikationsanalyse sollte niemals in einen privaten oder von der Apotheke nicht freigegebenen ChatGPT-Account eingegeben werden. Das ist keine übertriebene Vorsicht, das ist exakt das, was die MHH-Zahlen begründen.
Die 5-Schritte-Regel, die sich in der Praxis durchsetzt
- Patientendaten raus, bevor irgendwas eingegeben wird. Name, Geburtsdatum, Versichertennummer – alles weg.
- Fachinformation mitgeben, nicht nur den Wirkstoffnamen. Je konkreter die Quelle, desto zuverlässiger der Entwurf.
- Format und Sprachniveau vorgeben, zum Beispiel “für einen Patienten auf einfachem Sprachniveau”.
- Jede Wechselwirkungs- oder Dosierungsaussage gegen eine zugelassene Datenbank prüfen – ABDA-Datenbank, Lauer-Taxe-Interaktionscheck oder das jeweilige Praxissystem, niemals ChatGPTs Gedächtnis.
- Persönliche Beratung bleibt persönlich. Der KI-Entwurf ist der Ausgangspunkt, das Beratungsgespräch am HV-Tisch bleibt die eigentliche Leistung.
Was das für dich bedeutet
Wenn du in der öffentlichen Apotheke arbeitest: Nutze ChatGPT für Aufklärungstexte und Rezepturhinweise, aber lass den Wechselwirkungscheck immer über die geprüfte Datenbank laufen, die du sowieso schon nutzt.
Wenn du in der Krankenhausapotheke oder Klinik arbeitest: Die MHH-Studie kam speziell aus dem klinischen Kontext. Wenn dein Haus über ein Medikationsmanagement-System mit KI-Unterstützung nachdenkt, sind genau diese Zahlen der Grund, warum die Wechselwirkungsprüfung Teil des geprüften Systems bleiben muss – nicht ausgelagert an ein separates ChatGPT-Fenster.
Wenn du PTA-Azubi bist: Gewöhne dir früh an, jede KI-Antwort als unbestätigt zu behandeln, bis sie gegen die Fachliteratur geprüft ist. Das ist keine Fleißaufgabe, das ist die Grundregel, die dich später vor genau den Fehlern schützt, die die Studie gefunden hat.
Häufige Fragen
Ist ChatGPT jetzt komplett tabu in der Apotheke? Nein – für Textentwürfe, Aufklärungsmaterial und Verständnishilfen ist es brauchbar, solange am Ende immer eine Fachkraft gegenprüft. Tabu ist der ungeprüfte Einsatz für die eigentliche Wechselwirkungs- oder Dosierungsentscheidung.
Gibt es schon offizielle Alternativen aus der Branche? Ja – der spanische Apothekerverband CGCOF hat 2026 eine eigene KI-gestützte Datenbank mit Ampel-System (Rot/Gelb/Grün) für Wechselwirkungen vorgestellt, speziell entwickelt und gegen pharmazeutische Referenzdaten geprüft. Das zeigt die Richtung: KI-Unterstützung ja, aber aus einer fachlich geprüften, nicht aus einer allgemeinen Quelle.
Was mache ich, wenn ich in der Praxis schon Patientendaten in ChatGPT eingegeben habe? Sprich das offen mit deiner Apothekenleitung oder dem Datenschutzbeauftragten an, bevor daraus ein größeres Problem wird. Ab jetzt gilt: Patientendaten raus, bevor überhaupt etwas in ein KI-Tool eingegeben wird.
Fazit
Die MHH-Studie liefert keine abstrakte Warnung, sondern eine konkrete Zahl: 55,7 Prozent Fehlerquote bei ganz normalen Medikamentenfragen. Das ist die Faustregel für den Apothekenalltag 2026: ChatGPT für Textentwürfe und Verständlichkeit – ja, gerne. Für die eigentliche Wechselwirkungsprüfung – nur die geprüfte Datenbank, nie das Sprachmodell allein. Wer diese Trennlinie kennt, nutzt die Zeitersparnis, ohne das Risiko einzugehen, das die Studie gerade sichtbar gemacht hat.
Quellen
- Apotheken Umschau — “ChatGPT gibt oft falsche Antworten bei Medikamenten-Fragen”
- Apotheke Adhoc — “Medikationsanalyse via ChatGPT: Was gilt?”
- PTA in love — “Fragen zu Arzneimitteln: Chatbot-Antworten können zum Tod führen”
- Die PTA in der Apotheke — “Warnung: Geht es um Medikamente, vertraue nicht Chatbots mit KI”
- The Body Pro — Ready et al., AIDS, ahead of print, 13. April 2026 (HIV-Wechselwirkungsstudie)