Am Dienstag hat Anthropic das kostenpflichtige Claude gratis gemacht — für verifizierte Lehrkräfte an US-Schulen. Ein volles Jahr, geschenkt. Klingt erstmal super. Nur: Verifizieren kannst du dich nur mit einer US-Schul-E-Mail. Heißt für dich als Lehrkraft in Deutschland, Österreich oder der Schweiz — nö, geht nicht.
Tja. Ärgerlich, aber halt kein Grund, das Ganze abzuhaken. Denn die eigentliche Nachricht ist nicht das Produkt, das du nicht kriegst. Es ist der Workflow dahinter — und der läuft genauso gut mit dem kostenlosen Claude, mit ChatGPT oder mit Gemini, die du hier sehr wohl nutzen kannst. Nur muss dir die eine Sache klar sein, die die US-Version für ihre Lehrer erledigt und die du hier selbst in die Hand nehmen musst: den Lehrplan.
Warum die US-Version bei uns nicht funktioniert — und was das für dich heißt
Das Besondere an Claude for Teachers ist nicht das Modell. Es ist, dass Anthropic die KI über etwas namens Learning Commons an die Bildungsstandards aller 50 US-Bundesstaaten angedockt hat. Fragst du dort nach einer Stunde zu einem bestimmten Standard, rät die KI nicht, was der Standard sagt — sie baut auf dem echten Standard auf.
Und genau da liegt der Haken für uns. Ein deutsches Pendant zu diesem 50-Staaten-Katalog gibt es schlicht nicht. Wir haben 16 Länder mit 16 eigenen Lehrplänen — LehrplanPLUS in Bayern, Kernlehrplan in NRW, und so weiter —, obendrauf die KMK-Bildungsstandards. Ein generisches Sprachmodell kennt die alle nicht auswendig. Es hat mal was über deutsche Curricula gelesen, aber es weiß eben nicht, was in deinem Fachlehrplan für die 8. Klasse Realschule in Baden-Württemberg konkret drinsteht.
Klingt nach einem Nachteil. Ist aber eigentlich nur eine Aufgabenverschiebung: Was die US-Version automatisch macht, machst du mit einem Satz im Prompt. Kein Drama — nur ein Schritt, den du kennen musst.
Und der Datenschutz? Kurz gesagt: Keine echten Schülernamen, keine Diagnosen, keine Klarnamen ins Tool. Plan mit anonymisierten Angaben — „ein Kind, das zwei Klassenstufen unter Niveau liest", nie mit Namen. Damit bist du DSGVO-seitig auf der sicheren Seite, egal welches Tool du nimmst.
Warum sich die zehn Minuten überhaupt lohnen
Mal ehrlich: Du hast keine Zeit für Spielereien. Das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung — forsa hat dafür 1.547 Lehrkräfte befragt — sagt, dass sich 84 Prozent der Lehrkräfte aktuell stark oder sehr stark belastet fühlen. Für über drei Viertel ist Wochenendarbeit die Regel. Dazu der Lehrkräftemangel, der zu Schuljahresbeginn tausende Stellen unbesetzt ließ. Wer da noch Zeit findet, um jede Stunde von null zu differenzieren, den will ich sehen.
Genau hier setzt die KI an — nicht als Ersatz für dein Urteil, sondern als der Praktikant, der schnell und unermüdlich einen ersten Entwurf hinlegt, den du dann veredelst. Vier Schritte.
1. Tool wählen und den Lehrplan mitgeben (1 Minute)
Nimm den kostenlosen Claude, ChatGPT oder Gemini — für den Anfang tut’s jedes. Und dann der Schritt, den die US-Version automatisch macht: Sag der KI, in welchem Bundesland du unterrichtest und nach welchem Lehrplan. Hast du die konkrete Kompetenzformulierung aus dem Lehrplan zur Hand, kopier sie rein. Das ist dein „Learning Commons" — von Hand.
2. Gib der KI die echten Details (1 Minute)
Der häufigste Grund für generische Pläne sind generische Prompts. „Schreib eine Stunde über Bruchrechnen" liefert dir eine Stunde für niemanden. Nenn Klassenstufe, Fach, die Kompetenz und deine reale Lerngruppe. Kopier das hier und füll die Klammern aus:
Du hilfst mir bei der Unterrichtsplanung. Ich unterrichte [Klassenstufe] [Fach] an einer [Schulart] in [Bundesland], nach dem [Lehrplan/Kernlehrplan]. Plane eine 45-Minuten-Stunde zur Kompetenz [Kompetenz oder Thema]. Meine Klasse hat [Zahl] Kinder, darunter [z. B. 4 mit Deutsch als Zweitsprache und 3 mit LRS]. Gib mir: ein Lernziel, einen Einstieg, die Erarbeitung, eine kurze Lernstandskontrolle und einen Stundenausklang.
3. Lies den Entwurf wie ein Redakteur, nicht wie ein Kunde (3 Minuten)
Du kriegst einen kompletten, sauber strukturierten Plan zurück. Der sieht fertig aus. Ist er meistens nicht — und das ist der Schritt, der Lehrkräfte, die was davon haben, von denen trennt, die’s einmal probieren und dann bleiben lassen. Der erste Entwurf ist strukturell solide und inhaltlich generisch gewürzt: Das Lernziel ist klar, die Phasen passen, und trotzdem kennt nichts davon deine echte Klasse. Das ist normal. Und mit einem weiteren Prompt behoben.
4. Hak nach, bis er dir gehört (3 Minuten)
Sag der KI, was nicht passt. Genau hier zahlen sich die zehn Minuten aus:
Die Erarbeitung ist zu passiv für meine Klasse — die müssen reden und in Bewegung sein. Die Lernstandskontrolle ist zu leicht. Schreib beides um und ergänze eine Variante des Einstiegs für Kinder, die zwei Klassenstufen unter Niveau lesen.
Und dann der Differenzierungs-Durchgang, also das, was dir früher wirklich die Abende gefressen hat:
Jetzt gib mir dieselbe Stunde dreifach differenziert: eine Variante für Kinder unter Klassenniveau, eine für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache mit Satzbausteinen, und eine Erweiterung für die Schnellen.
Das ist eine differenzierte, am Lehrplan orientierte Stunde mit Scaffolds — die Art Arbeit, die früher ein Sonntagabend-Job war — in etwa der Zeit, die du für einen Kaffee brauchst.
Was das konkret für dich heißt
Wenn du noch nie ein KI-Tool benutzt hast: Fang mit Schritt 2 an und sonst nichts. Eine Stunde, eine Kompetenz, eine Klasse, die du in- und auswendig kennst — damit du sofort merkst, ob der Plan taugt. Versuch nicht, gleich am ersten Tag deine ganze Woche zu automatisieren.
Wenn du ChatGPT oder Gemini schon nutzt: Der Unterschied zur US-Version ist die Lehrplan-Anbindung — die du hier eben von Hand machst. Genau deshalb ist Schritt 1 kein optionaler Schnickschnack, sondern das, was aus „klingt plausibel" ein „passt zu meinem Lehrplan" macht.
Wenn du ein Jahrgangsteam oder eine Fachschaft leitest: Der Gewinn ist nicht individuell, sondern der geteilte Prompt. Schreib einen guten Planungs-Prompt für euren Jahrgang und euer Fach — inklusive des passenden Lehrplan-Bezugs — und alle starten mit einem differenzierten Entwurf statt mit einem leeren Blatt. Das ist ein Punkt für die Fachkonferenz, kein Einzelkämpfer-Experiment.
Was die KI nicht kann — der ehrliche Teil
Und jetzt der Teil, den die Euphorie gern unterschlägt. Der ist nämlich nicht nur Bauchgefühl, sondern gemessen. Wenn Forschende sich KI-gestützte Unterrichtsplanung genauer angeschaut haben, kam ziemlich konsistent dasselbe raus:
- Sie schreibt ein gutes Skelett und einen generischen Körper. Eine 2026 veröffentlichte Studie an englischen Grundschulen ergab, dass Lehrkräfte KI-mitgeplante Materialien mindestens so gut bewerteten wie ihre üblichen Pläne — sofern sie sie überarbeiteten. Ein separater Versuch mit 259 Lehrkräften zeigte: Die KI sparte Planungszeit, brachte aber von allein keinen messbaren Qualitätssprung. Die Struktur ist verlässlich, die Substanz ist deine Aufgabe. Die KI weiß eben nicht, dass deine dritte Stunde am Freitag keinen Gallery Walk verkraftet.
- Beim Lehrplan liegt sie manchmal selbstbewusst daneben. „Sieht ausgerichtet aus" und „ist ausgerichtet" sind zweierlei. Gleich sie ab — prüf die Kompetenz anhand deines echten Lehrplans, bevor du sie unterrichtest. Das ist auch der Grund, warum Schritt 1 nicht optional ist.
- Sie glättet die harten, spannenden Stellen. In Vergleichen von KI- und menschlichen Plänen gewann die KI bei Klarheit und Struktur und verlor bei fachlicher Tiefe und kritischer Auseinandersetzung — also genau die Stellen, an denen dein Urteil zählt und die eine Geschichts- oder Physikstunde erst sehenswert machen. Der Teil bleibt dein Job.
- Sie ist kein Ort für Schülerdaten. Plan mit anonymisierten Angaben, Punkt. „Ein Kind, das zwei Klassenstufen unter Niveau liest" — nie ein Name.
Nichts davon ist ein Grund, es sein zu lassen. Es ist der Unterschied zwischen „Erstentwurf-Maschine" — darin ist die KI richtig gut — und „fertige Lehrkraft", die sie eben nicht ist.
Unterm Strich
Claude for Teachers zeigt, wohin die Reise geht: ein starkes Tool, gratis, an echten Standards ausgerichtet, mit Datenschutz für den Klassenraum. Nur ist es hier noch nicht zu haben. Der Workflow aber schon — mit den Tools, die du ohnehin hast. Gib der KI die Details und deinen Lehrplan, lies den Entwurf wie ein Redakteur, hak einmal nach, und lass sie die Differenzierung machen. Das Urteil behältst du; das Tippen gibst du ab.
Wenn du die strukturierte Variante willst — eine ganze Wochenplanungs-Routine, die Prompts, die wirklich funktionieren, und die Stellen, an denen ein Mensch drüberschauen muss — geht unser Kurs KI für Lehrer: Erste Schulwoche das von vorne bis hinten durch, und KI für Lehrkräfte deckt den breiteren Werkzeugkasten ab. (Die ersten zwei Lektionen sind gratis.) Und wenn dir das Schuljahr eh schon im Nacken sitzt: Schuljahresende mit 5 Prompts.
Quellen
- Introducing Claude for Teachers — Anthropic
- Deutsches Schulbarometer 2026 — Robert Bosch Stiftung
- Deutsches Schulbarometer 2026: Was Lehrkräfte am meisten belastet — Deutsches Schulportal
- Wie KI bei der Unterrichtsvorbereitung helfen kann — Deutsches Schulportal
- Teacher Choices trial: ChatGPT for Key Stage 3 science planning — Education Endowment Foundation
- Using generative AI to support lesson planning: a mixed-methods study (2026)