Erinnerst du dich noch an die Bild-Schlagzeilen von damals? „Wir müssen uns von Kollegen trennen, die Aufgaben haben, die in der digitalen Welt durch künstliche Intelligenz ersetzt werden" — so stand es sinngemäß in der internen Mail, mit der Axel Springer 2023 seine „KI-Offensive" ankündigte. Rund 200 Stellen fielen der Strategie zum Opfer, in manchen Abteilungen bis zu 30 Prozent der Belegschaft. Die Regionalausgaben der Bild schrumpften von 18 auf 12. Und 2026 ist die Geschichte nicht vorbei: Der Verlag hat inzwischen auch die komplette Redaktion von Upday Italia entlassen und durch KI-Systeme ersetzt.
Das ist halt die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere: Im Juni 2026 hat der Deutsche Presserat eine allgemeine Kennzeichnungspflicht für KI-Texte ausdrücklich abgelehnt — gegen den ausdrücklichen Willen des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), der genau das gefordert hatte. Sprecher Moritz Döbler machte klar: Redaktionen tragen die ethische Verantwortung für jeden Beitrag, egal wie er entstanden ist — KI hin oder her, der Pressekodex gilt trotzdem.
Zwei Nachrichten, ein Muster: KI ist in deutschen Redaktionen längst kein Zukunftsthema mehr, sondern Alltag — mit echten Konsequenzen für Jobs und echten offenen Fragen zur Verantwortung. Und trotzdem findest du bei einer Suche nach „KI für Journalisten" vor allem Fortbildungsseminare und Tool-Listen. Eine praktische, ehrliche Anleitung, was du heute Nachmittag tatsächlich copy-pasten kannst — und was du unter keinen Umständen in ChatGPT tippen solltest — gibt’s kaum. Das hier soll genau das sein.
Was sich 2026 für deutschen Journalismus wirklich geändert hat
Zwei Dinge stimmen gleichzeitig, auch wenn sie sich fast widersprechen.
Erstens: Der Stellenabbau ist real, und er trifft nicht nur die üblichen Verdächtigen. Springer ist das prominenteste Beispiel, aber längst nicht das einzige. Regionalzeitungen kämpfen mit denselben Umsatzproblemen wie ihre US-Kollegen — sinkende Anzeigenerlöse, wegbrechender Google-Traffic durch KI-Übersichten, ein Werbemarkt, der sich Richtung Meta und Google verschiebt. Und ja, KI wird von manchen Verlagen explizit als Sparhebel genannt — auch wenn (und das ist wichtig) die Kausalität in der Praxis selten so sauber ist, wie es in der internen Mail klingt. Sinkende Reichweite, allgemeine Kostensenkung und KI-Einsatz laufen meistens parallel, nicht nacheinander.
Zweitens: KI-Einsatz in deutschen Redaktionen ist längst Routine — und zwar an ziemlich unglamourösen Stellen. Transkription, Recherche-Vorsortierung, Headline-Tests. Nicht „die KI schreibt die Geschichte", sondern „die KI übernimmt die mühsame Vorarbeit, damit du Zeit für die eigentliche Recherche hast". Genau da setzt dieser Guide eben an.

Eine Reuters-Institute-Befragung britischer Journalisten (die Ergebnisse lassen sich, mit Vorsicht, auf deutsche Redaktionen übertragen) zeigt: Transkription ist die mit Abstand häufigste monatliche KI-Anwendung — 49 Prozent nutzen sie regelmäßig. Nicht Storytelling, nicht Recherche im großen Stil. Transkription. Die Aufgabe, die früher nach jedem Interview eine Stunde gefressen hat.
Der Presserat-Beschluss vom Juni ist dabei kein Freifahrtschein. Er verschiebt die Verantwortung nur — weg von einer pauschalen Kennzeichnungspflicht, hin zu: Du und deine Redaktion haftet dafür, dass alles stimmt, egal welches Tool mitgeholfen hat. Und dpa selbst, die Nachrichtenagentur, auf die sich fast jede deutsche Redaktion irgendwie verlässt, behandelt KI-Ausgaben grundsätzlich als das, was sie sind: unverifiziertes Ausgangsmaterial, keine fertige Tatsache.
Die 6 Workflows — mit echten Prompts
Ein durchgehendes Beispiel, damit du siehst, wie die sechs Schritte ineinandergreifen: Eine Stadtratssitzung zu einem 3,8-Millionen-Euro-Straßensanierungsvertrag, ein 40-minütiges Mitschnitt-Protokoll, ein 60-seitiges Vertrags-PDF vom Amt, Redaktionsschluss um 18 Uhr.
1. Transkript bereinigen — ohne dass die KI „verbessert"
Ziel: Aus einem holprigen Rohtranskript eine lesbare, durchsuchbare Arbeitsfassung machen, ohne dass das Modell heimlich umformuliert, was jemand tatsächlich gesagt hat.
Warum das wichtig ist: Transkription ist, wie oben erwähnt, die häufigste KI-Anwendung im Journalismus — und genau deshalb auch die Stelle, an der am meisten schiefgehen kann. Ein Modell, das darauf trainiert ist, „hilfreich" zu sein, glättet Stotterer und Halbsätze gerne mal so, dass sich der Sinn leicht verschiebt. Klingt harmlos. Ist es nicht immer.
So machst du es richtig:
- Original-Aufnahme lokal sichern, nie löschen — das ist deine Faktenbasis, falls ein Zitat später angezweifelt wird.
- Nur ein von deiner Redaktion freigegebenes Tool verwenden (dazu gleich mehr — das ist der Datenschutz-Teil).
- Der KI genau einen Job geben: Zeichensetzung und Absätze. Sonst nichts.
- Namen, Zahlen und strittige Aussagen vor dem Verwenden gegen die Aufnahme prüfen.
Der Prompt:
“Clean up this transcript for punctuation, paragraph breaks, and clearly identifiable filler words only. Preserve the exact word choice and order — do not add missing words or ‘improve’ phrasing. Mark anything unclear as [UNCLEAR hh:mm:ss], mark speaker changes as SPEAKER A/B, and keep timestamps on every paragraph.”
Für unser Stadtrats-Beispiel: 40 Minuten Rohaufnahme rein, in unter einer Minute ein sauberes, zeitgestempeltes Transkript raus — durchsuchbar, statt durch Audiodateien zu scrubben.
Ein AP-Forschungsprojekt zu automatisierten Pressekonferenz-Transkripten kam übrigens zu einem ziemlich nüchternen Ergebnis: Ein perfektes KI-Transkript gibt es schlicht nicht. Der menschliche Check bleibt Pflicht — die Zeitstempel machen ihn nur schnell statt quälend.
2. Die schärfsten Zitate rausziehen — ohne Paraphrase als Zitat zu verkaufen
Ziel: Aus einem langen Interview oder Sitzungsprotokoll die 5 bis 10 verwendbarsten Zitate finden, ohne dass die KI dir eine Paraphrase als O-Ton unterjubelt.
So geht’s: Nur das bereits geprüfte Transkript füttern (nie das ungeprüfte Rohmaterial), und explizit wörtliche Sprache verlangen, keine Zusammenfassung im Zitat-Kostüm.
Der Prompt:
“Find up to 10 passages about [topic] in this transcript. Quote them word-for-word, note the speaker and timestamp, and add one sentence of context before and after each. Do not correct grammar. If the exact wording is uncertain, flag it instead of guessing. Keep direct quotes clearly separate from your own summary.”
So findest du den einen Satz eines Stadtrats — „Wir sanieren Straßen, die niemand braucht, und ignorieren die, die es dringend bräuchten" — in 40 Minuten Verfahrensdebatte in etwa 10 Sekunden, mit Zeitstempel zum Gegenchecken.
3. Aus dem Aktenberg ein Ein-Seiten-Briefing machen — mit Seitenangabe zu jeder Behauptung
Ziel: Ein großes Bündel öffentlicher Dokumente — Vertrag, Haushaltsplan, IFG-Anfrage — in ein strukturiertes Briefing verwandeln, ohne dass das Modell Details erfindet, die gar nicht drinstehen.
So geht’s: Erst prüfen, ob deine PDFs echter, durchsuchbarer Text sind oder nur eingescannte Seitenbilder (falls Letzteres: OCR zuerst — eine überraschend häufige Ursache dafür, dass „die KI nichts findet", ist einfach ein Formatproblem, keine KI-Schwäche). Dann das Modell anweisen, sich strikt an die Dokumente zu halten und für jede Behauptung eine Seite zu nennen.
Der Prompt:
“Build a research brief using only the attached documents. For every factual claim, cite the file name and page number, plus a short supporting excerpt. Organize into: confirmed findings, contradictions, people and organizations named, dollar amounts, timeline, and open questions. If something isn’t supported in the documents, write ’not supported’ — don’t use outside knowledge.”
Beim 60-Seiten-Vertrag: Was dich sonst eine Stunde Querlesen gekostet hätte, wird in wenigen Minuten zum strukturierten Briefing — Vertragssumme, Firma, Zeitplan, und ein Hinweis auf eine Klausel, die der öffentlichen Aussage der Stadt widerspricht. Jede Angabe mit exakter Seitenzahl zum Nachprüfen.
4. Überschriften testen — als echtes Experiment, nicht als Ratespiel
Ziel: Wirklich unterschiedliche, faktisch korrekte Headline-Varianten generieren und mit echten Zahlen entscheiden, nicht mit Bauchgefühl.
So geht’s: Erst die unverhandelbaren Fakten festzurren, dann Varianten generieren lassen, dann eine Redakteurin oder ein Redakteur jede einzelne auf Richtigkeit prüfen, dann eine kleine Zahl echter Varianten auf derselben Platzierung testen — ein LLM, das vorhersagen soll, welche Überschrift am besten performt, liegt nachweislich nicht zuverlässig richtig. Nur echte Leser:innen-Daten zählen.
Der Prompt:
“Generate 8 factually accurate headlines for this approved article: two direct, two explanatory, two that lead with the key number, and two phrased as a question. No new claims, no unsupported causal language, no clickbait. For each, note the editorial risk in one sentence.”
5. Interviews vorbereiten — auf Basis dessen, was schon öffentlich ist
Ziel: Von „ich hab ein grobes Thema" zu einer scharfen, gut belegten Fragenliste kommen, bevor du dich mit jemandem hinsetzt.
So geht’s: Nur veröffentlichtes, öffentliches Material füttern — frühere Aussagen, Akten, deine eigene bisherige Berichterstattung — und verlangen, dass jede Frage an einen konkreten Beleg zurückgebunden wird.
Der Prompt:
“Based on the attached public sources, draft 15 open-ended interview questions grouped by theme. Under each question, note the source that prompted it (with URL and date) and suggest two follow-ups in case the subject deflects. Flag any factual premise in a question that needs to be verified before the interview.”
6. Den eigenen Entwurf auf Fakten checken — bevor die Redaktion es tut
Ziel: Unbelegte Zahlen, Daten, Namen und Kausalaussagen im eigenen Text finden, bevor es eine Redakteurin oder ein Leser tut.
Der Prompt:
“Extract every checkable factual claim from this draft. Build a table: claim, category (number / date / name / causation / quote / legal claim / disputed characterization), existing source, primary source, publication date, supporting excerpt, conflicts, and status (open / verified / needs correction). Don’t invent sources, and mark anything unsupported as open.”
Angewendet auf unsere Stadtrats-Geschichte deckt das auf: Die „3,8 Millionen Euro" im Entwurf stammen aus einer Pressemitteilung — der tatsächlich unterschriebene Vertrag im PDF nennt 3,95 Millionen. Ein Anruf mehr vor 18 Uhr, kein peinlicher Fehler im Druck.
Was du bedenkenlos einfügen kannst — und was niemals
Das hier ist die wichtigste Tabelle des ganzen Artikels, und genau die, die bei den meisten „KI für Journalisten"-Texten fehlt. Basierend auf den aktuellen AP- und Reuters-Standards, angepasst an die deutsche Datenschutz-Realität:
| Material | Öffentlicher ChatGPT-/Claude-Account | Freigegebene Redaktionsumgebung | Die Regel |
|---|---|---|---|
| Veröffentlichte Pressemitteilung | OK, wenn Hausregel erlaubt | OK | Quelle und Version dokumentieren |
| Öffentliches Interview, ohne sensible Metadaten | Mit Vorsicht | Bevorzugt | Aufnahme und Zitate manuell prüfen |
| Unveröffentlichter Entwurf | Nie | Nur mit ausdrücklicher Freigabe | Datenminimierung, notfalls lokal arbeiten |
| Sperrfrist-Material (Embargo) | Nie | Nur mit Freigabe und Zugriffsbeschränkung | Ein Embargo ist ein Vertrauensversprechen |
| Identität vertraulicher Quellen | Nie | Grundsätzlich nicht | Identität immer vom KI-Input trennen |
| Off-the-Record-Notizen | Nie | Nur nach Rechts- und Redaktionsfreigabe | Zusagen an Quellen haben Vorrang |
| Geleakte oder personenbezogene Akten | Nie | Nur zweckgebunden, kontrolliert | Datensparsamkeit, Löschplan |
| Passwörter, API-Keys, interne Zugänge | Nie | Nie | Secrets-Manager, kein Prompt |
Datenschutz ist hier keine Randnotiz, sondern der Kern der deutschen Perspektive. AP rät ausdrücklich davon ab, vertrauliche Informationen überhaupt in KI-Tools einzugeben. Reuters untersagt das Hochladen unveröffentlichter Geschichten in offene KI-Dienste — und weist darauf hin, dass die Weitergabe an einen Dritten (und genau das ist ein Consumer-KI-Produkt) rechtlich schon als eine Form der Veröffentlichung zählen kann.

Und dann ist da noch die DSGVO-Frage, die in keinem US-Leitfaden vorkommt, dich als deutsche Redaktion aber sehr wohl betrifft: Sobald ein Transkript personenbezogene Daten enthält — und ein Interview enthält so gut wie immer welche —, ist das Einspeisen in ein US-Tool datenschutzrechtlich kein Nebenthema, sondern eine echte Frage nach Auftragsverarbeitungsvertrag, Serverstandort und Rechtsgrundlage. „Der Anbieter sagt, er trainiert nicht mit meinen Daten" beantwortet diese Frage nicht — das ist eine Trainings-Policy, keine DSGVO-Konformitätserklärung. Frag im Zweifel deine Redaktionsleitung oder den Datenschutzbeauftragten, bevor du das nächste Interview durchjagst. Ja, ich weiß, das klingt nach Bürokratie. Ist es teilweise auch. Aber genau diese Frage entscheidet, ob du dich später mal erklären musst oder nicht.
Was das für dich bedeutet
Wenn du fest angestellt bist und deine Redaktion schon Stellen abgebaut hat: Starte mit Workflow 1 (Transkripte) und 3 (Akten-Briefings) — die sparen am meisten Zeit bei den Aufgaben, die sich stapeln, wenn du plötzlich mehr Themen allein abdecken musst. Erste Aktion: nimm dein nächstes Interview und lass den Transkript-Prompt drüberlaufen, bevor du sonst irgendwas mit der Aufnahme machst.
Wenn du gerade freigesetzt wurdest oder freiberuflich arbeitest: Dir fehlt jetzt die Rechercheabteilung, das Transkriptionsbudget, die Schlussredaktion, die ein Festangestellten-Job normalerweise mitliefert. Workflow 6 (Fakten-Check) ist der nächstliegende Ersatz für einen Teil dessen, was früher eine Redakteurin für dich übernommen hat.
Wenn du Kommunalpolitik, Gerichte oder Behörden abdeckst: Workflow 3 ist für dich gemacht. Ein 60-seitiger Vertrag oder ein IFG-Bescheid wird vom gefürchteten Nachmittag zum 10-Minuten-Erstzugriff.
Wenn du als Redaktionsleitung ein kleineres Team führst: Dein Hebel ist nicht, die Workflows selbst durchzuziehen, sondern die Leitplanken zu setzen — welche Tools freigegeben sind, welche Datenklassifikation gilt, wer bei Ausnahmen unterschreibt. Erste Aktion: die Tabelle oben diese Woche noch zur Ein-Seiten-Teampolicy machen.
Wenn du Berufseinsteiger:in oder Volontär:in bist: Lern die Disziplin jetzt, solange der Einsatz noch überschaubar ist. Die Gewohnheit, jede KI-Ausgabe als unverifiziertes Material zu behandeln, ist genau das, was dich später von einer Kollegin unterscheidet, die sich mal verbrennt.
Wenn du mit sensiblem oder investigativem Material arbeitest: Keiner der sechs Workflows sollte deine tatsächlichen sensiblen Dokumente in einem öffentlichen KI-Tool berühren. Nutz sie nur für den bereits öffentlichen Teil deiner Arbeit — und halte quellenidentifizierendes Material komplett raus aus jedem nicht speziell geprüften System.
Typische Stolperfallen
„Gemini findet das Gerichtsprotokoll einfach nicht." Kein Bug — meistens ist das Dokument schlicht nicht online. Wie es ein Journalist treffend formuliert hat: „Das heißt nicht, dass es nicht existiert. Du musst zum Gericht gehen und danach fragen." KI-Suchtools finden nur, was digitalisiert und indexiert ist. Viele öffentliche Unterlagen brauchen nach wie vor eine persönliche Anfrage.
„Die KI hat mir gerade selbstbewusst kompletten Unsinn erzählt." Passiert selbst Leuten, die KI täglich für Recherche nutzen — einer beschrieb, wie Claude „mit voller Überzeugung" eine frei erfundene Tatsache präsentierte, die ohne Gegencheck ein ganzes Projekt ruiniert hätte. Die Lösung ist kein besserer Prompt, sondern eine feste Regel: Nichts, was eine KI ausgibt, ist ein Fakt, bevor du es unabhängig geprüft hast.
„Mein PDF sieht gut aus, aber die KI sagt, es gibt keinen durchsuchbaren Text." Prüf, ob das PDF echter Text oder nur ein eingescanntes Bild ist. Viele Behörden- und Gerichts-PDFs sind schlicht fotografierte Papierseiten. OCR zuerst, dann gegenchecken.
„Meine Redaktionsleitung fragt, ob wir KI-Einsatz kennzeichnen müssen." Nach dem Presserat-Beschluss vom Juni 2026: keine pauschale Pflicht — aber die ethische Verantwortung bleibt bei euch. Ein praktischer Test: Kennzeichnen, wenn KI die veröffentlichte Formulierung spürbar geprägt hat, die Themenauswahl beeinflusst hat, oder das Publikum die Entstehung sonst falsch verstehen könnte. Reine, vollständig geprüfte Transkription braucht meist keinen Extra-Hinweis pro Artikel — eine allgemeine Redaktions-KI-Policy reicht.
„Ich bin unsicher, ob mein bereinigtes Transkript im Streitfall als ‚das echte’ zählt." Tut es nicht — die Originalaufnahme ist immer deine Faktenbasis. Rohaudio und bereinigte Version getrennt aufbewahren.
Was KI nicht kann
Sie baut keine Quellen auf. Das jahrelange Vertrauen, das jemanden dazu bringt, dir off the record etwas zu erzählen, entsteht nicht durch ein Tool.
Sie verifiziert sich nicht selbst. Reuters verlangt unabhängige Prüfung jeder KI-generierten Aussage. AP behandelt KI-Output als unverifiziertes Material. Beide vertrauen der Selbstsicherheit einer KI-Antwort nicht — du solltest es auch nicht.
Sie hat kein Berufsgeheimnis. Ein Chat mit ChatGPT oder Claude ist nicht durch dasselbe Vertrauensverhältnis geschützt wie ein Gespräch mit Ärztin oder Anwalt. OpenAI-Chef Sam Altman selbst hat öffentlich eingeräumt, dass Chats theoretisch in Gerichtsverfahren angefordert werden könnten.
Sie besorgt dir keine nicht digitalisierten Akten. Wenn ein Dokument nicht online ist, findet es kein KI-Suchtool. Da hilft nur die klassische Anfrage.
Sie ersetzt nicht das redaktionelle Urteilsvermögen bei Fairness und Risiko. Headline-Tests, Fakten-Checks, Transkript-Bereinigung — überall bleibt am Ende ein Mensch, der die letzte Entscheidung trifft.
FAQ
Welche KI ist für Journalisten am besten? Es gibt keinen eindeutigen Gewinner — die meisten Redaktionen nutzen mehrere Tools parallel. Claude und ChatGPT funktionieren beide gut für die Workflows oben. Der eigentlich entscheidende Unterschied ist weniger die reine Modellqualität, sondern die Datenschutz-Policy deiner Redaktion — check, was offiziell freigegeben ist, bevor du dich auf ein Tool festlegst.
Dürfen Journalisten überhaupt KI nutzen? Ja, und jede relevante Standesorganisation — AP, Reuters, der Europarat, die Pariser Charta von Reporter ohne Grenzen — geht längst davon aus, dass KI-Einsatz normal ist. Verlangt wird Kennzeichnung, wenn’s materiell relevant ist, menschliche Prüfung jeder Tatsache, und redaktionelle Verantwortung bei einer konkreten Person.
Muss ich KI-Einsatz kennzeichnen? Der Deutsche Presserat lehnt (Stand Juni 2026) eine pauschale Kennzeichnungspflicht ab — der DJV fordert sie trotzdem. In der Praxis heißt das: Du haftest so oder so für Richtigkeit und Fairness, unabhängig vom Werkzeug. Eine offene Redaktions-Policy ist meist die pragmatischste Lösung.
Ersetzt KI bald Journalist:innen? Der Stellenabbau ist real, aber die Kausalität ist komplizierter, als es klingt. Verlage nennen KI oft neben sinkenden Werbeeinnahmen und wegbrechendem Google-Traffic — und die zeitliche Nähe beweist noch keine direkte Ursache. Was schwerer zu bestreiten ist: Die über Jahre aufgebauten Quellenbeziehungen einer Lokalredaktion lassen sich nicht automatisieren, genau deshalb bleiben Kommunal- und Gerichtsberichterstattung die am schwersten zu ersetzenden Jobs.
Darf ich ein geleaktes Dokument zum Zusammenfassen in ChatGPT einfügen? Nein. Das ist das klarste „Niemals" in jeder Redaktions-KI-Policy. Geleaktes oder quellenidentifizierendes Material gehört ausschließlich in ein speziell abgesichertes, freigegebenes System — und selbst dann nur mit Rechts- und Redaktionsfreigabe.
Behalten ChatGPT oder Claude meine Prompts wirklich privat? Nicht im Sinne einer echten Vertraulichkeitsgarantie. Beide Anbieter sagen, sie nutzen Business-Tier-Gespräche standardmäßig nicht fürs Training — das ist aber eine Trainings-Policy, keine DSGVO-Zusicherung. Daten können trotzdem eine Zeit lang gespeichert oder im Rahmen von Sicherheitsprüfungen eingesehen werden.
Wie genau transkribiert KI Interviews? Nah dran, aber nicht perfekt — das bestätigen auch AP-eigene Tests. Ein fehlerfreies KI-Transkript gibt es nicht, deshalb bleibt die menschliche Prüfung Pflicht. Zeitstempel in jedem bereinigten Transkript machen diesen Check schnell statt mühsam.
Fazit
Die ehrliche Version von „KI für Journalisten" 2026 ist kein Roboter, der Nachrichten schreibt. Es ist der realistischste Weg für eine schrumpfende Redaktion, sich Zeit bei den mechanischen Teilen des Jobs zurückzuholen — Transkript bereinigen, Zitat finden, Aktenberg in etwas Lesbares verwandeln —, damit die eigentliche Recherche, die Quellenarbeit und das Urteilsvermögen bei einem Menschen bleiben, der dafür geradesteht. Der AP-Standard ist die richtige Faustregel, die du dir selbst zu eigen machen solltest: Jede KI-Ausgabe ist unverifiziertes Material, bis du sie selbst geprüft hast.
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Quellen
- Presserat — Redaktionen auch für KI-generierte Inhalte ethisch verantwortlich
- Berliner Zeitung — Journalistenverbände fordern Transparenzregeln für KI-Texte – Presserat winkt ab
- t3n — Bis zu 30 Prozent der Belegschaft: Bild will Mitarbeiter durch KI ersetzen
- NZZ — «Bild» baut massiv um und streicht Stellen
- Tagesspiegel — KI soll Aufgaben übernehmen: Springer streicht Stellen und Regionalausgaben bei „Bild"
- Associated Press — AP updates newsroom standards for artificial intelligence
- Reuters — Journalistic Standards
- Reporters Without Borders — Paris Charter on AI and Journalism
- Reuters Institute — AI adoption by UK journalists and their newsrooms
- OpenAI — How OpenAI handles data in consumer services
- Anthropic — Is my data used for model training?